Erklären, Verorten, Überprüfen – Datenjournalismus Highlight

Und wie reich sind Sie? Das unterschätzte Vermögen der österreichischen Privathaushalte, Das schrumpfende Kärnten und Fairness bei der Fußball WM 2014 – drei von 26 hochspannenden Projekten, die im Zuge meiner Lehrveranstaltung Datenjournalismus an der FH Wien im Wintersemester 2013/15 entstanden sind.

An diesen drei Projekten von Studierenden lassen sich exemplarisch einige der wesentlichen Grundzüge des Datenjournalismus veranschaulichen, was ich im Folgenden als kleine Nachlese zum abgeschlossenen Semester unternehmen möchte:

(1) Erklären – Science (from Latin scientia, meaning “knowledge”)

Julia Schwaiger und Franziska Lehner bringen in ihrem Blogpost Und wie reich sind Sie? Das unterschätzte Vermögen der österreichischen Privathaushalte frische Erkenntnisse aus der Wissenschaft in eine hochemotional geführte Debatte ein.

Die Leser erfahren, wieviel Vermögen die wohlhabendsten 10% der Bevölkerung auf sich vereinen, wo Österreich im europäischen Vergleich steht und wieso eine alternative Berechnungsmethode ein noch drastischeres aber plausibleres Bild zeichnet.

Für die Gegenüberstellung der beiden wissenschaftlichen Studien erklären die Autorinnen anschaulich das Pareto-Prinzip und fassen die Unterschiede in einer handgezeichneten Chart zusammen. Gegenüber der originalen Household Finance and Consumption Survey (HFCS)-Studie zeigt die Studie der Johannes-Kepler Uni Linz eine noch stärkere Vermögenskonzentration v.a. im obersten 1% der Bevölkerung:

Grafik Vermögen_ohne Legende
Grafik Vermögen_Legende

Zu Recht halten Julia Schwaiger und Franziska Lehner nach einer Befragung verschiedener politischer Positionen als Konklusio fest:

Wie auch immer man zu Steuerfragen steht: ein erster wichtiger Schritt, um überhaupt eine fundierte politische Debatte darüber führen zu können, wäre, das Thema Reichtum aus seinem Versteck hervor zu holen und seine Bedeutung für die Gesamtgesellschaft offen zu legen.

Highlights dieses Blogposts: Wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich aufbereiten, kritisch hinterfragen und allgemeinverständlich erklären.

(2) Verorten – Maps: Here be dragons – not any more.

Die Zeiten, als in unbekannte Territorien auf Landkarten Drachen eingezeichnet wurden, sind lange vorbei. Mehr und mehr Daten sind für jeden Flecken Erde verfügbar. So ergibt sich ein immer vollständigeres Bild, das regionale und lokale Unterschiede erkennbar macht.

In Das schrumpfende Kärnten zeigt Dominik Leitner das exemplarisch anhand der Bevölkerungsentwicklung im Land des Lindwurms auf.

Ausgehend von einer weit in die Zukunft projizierten Prognose der Statistik Austria (Kärnten schrumpft demnach bis 2075 als einziges Bundesland, um knapp 10% der Einwohner) identifiziert der Autor den Sonderfall Kärnten, und geht der Frage nach “Where have all the Kärntners gone?”.

kaernten-map

Wanderungsbilanzen, demographische Entwicklung, Landflucht und ökonomische Parameter helfen bei einer schwierigen Spurensuche, die es redlich vermeidet, vorschnelle Kurzschlüsse zu ziehen.

Highlights: regionale Karten mit Mehrwert, unterschiedliche Facetten eines Phänomens werden beleuchtet.

(3) Überprüfen – Factchecking FIFA: Foul!

In Fairness bei der Fußball WM 2014 zeigt Michael Brandstetter plastisch und nachvollziehbar auf, wie lohnend es sein kann, einer gefühlten Schieflage bei einer statistischen Wertung empirisch nachzugehen. Auch “harte” Daten wie die Anzahl gelber oder roter Karten benötigen für einen Vergleich wie eine Fairness-Wertung der FIFA eine Relation, z.B. der absolvierten Minuten pro Mannschaft.

Und in Zeiten umfassend vorliegender Daten lohnt eine Ausdehnung der Datenbasis über den ersten Augenschein hinaus. Eine Ergänzung um die Anzahl der begangenen Fouls ergibt ein authentischeres Bild und liefert eine wesentlich stärkere Aussagekraft:

7 -Overall

Eine weltumspannend tätige Organisation wie die FIFA wird ihren Umgang mit Daten über kurz oder lang weiter entwickeln müssen. Michael Brandstetter zeigt, in welche Richtung es gehen kann.

Highlights: Factchecking eines Weltkonzerns, Relationen und sinnvolle Erweiterung der Datenbasis.

Fazit

Auch wenn diese kleine Rückschau anhand von drei Beiträgen nicht als repräsentativ gewertet kann, sie zeigt, das Potential, das im Datenjournalismus steckt. Ein sorgfältiger, gewissenshafter und handwerklich solider Zugang, der Daten als Quellen ernst nimmt, sie kritisch befragt und Erkenntnisse freilegt, die anders nicht zu bekommen sind.

Fairness bei der Fußball WM 2014

Im Rahmen der Fussball WM 2014 in Brasilien wurde von der FIFA auch ein Fairness-Pokal verliehen. Diesen bekam Kolumbien zugesprochen.

Moment – ist da nicht dieses unsportliche Foul eines Kolumbianers an Neymar in Erinnerung, dass den brasilianischen Jung-Star direkt ins Krankenhaus beförderte und eine schwere Wirbelsäulenverletzung zur Folge hatte?

Grund genug, die Mannschaften der WM näher zu betrachten, im Besonderen deren sportliches Verhalten hinsichtlich Fouls und erhaltenen Karten.

Auf der FIFA-Seite finden sich detaillierte Statistiken diesbezüglich und weisen Kolumbien tatsächlich als die Mannschaft aus, welche die wenigsten gelben, gelb-roten und roten Karten erhalten hat.

4 - Kartenwertung absolut

Jedoch sind diese Zahlen nur absolut zu betrachten und berücksichtigen in keiner Weise die absolvierten Spielminuten oder gar die begangenen Fouls.

Um ein besseres und aussagekräftigere Bild zu bekommen, werden die Mannschaften, welche zumindest das Viertelfinale erreichten, nachfolgend genauer betrachtet.

Und zwar nicht nur hinsichtlich der erhaltenen Karten, sondern auch im relativen Vergleich der begangenen Fouls nach absolvierten Spielminuten. Hier offenbart sich schon ein etwas anderes Bild.

Denn nach begangenen Fouls pro Match reiht sich Kolumbien deutlich weiter hinten ein.

1- Statistik FIFA

Fairplay gesamt

Auch bei lediglicher Betrachtung der erhaltenen gelben Karten, relativiert auf 90 Minuten, ergibt sich wieder ein eigenes Bild, welches Weltmeister Deutschland mit weniger als einer gelben Karte als fairste Mannschaft ausweist. Zudem sei bedacht, dass mit Fortgang des Tourniers die Mannschaften dem ersehnten Titel immer näher kommen und Deutschland sieben Spiele absolvierte.

3 - Gelbe Karten pro 90 min

Auch die absolvierten Spielminuten sind unter allen Mannschaften, die mindestens das Viertelfinale erreichten, auf Grund der absolvierten Verlängerungen im Turnier sehr unterschiedlich.

5 -Kartenwertung plus Spielminuten

Wer sich provozieren lässt..

Wenn nach einem neuen, aussagekräftigen Faktor gesucht wird, so kann man begangene Fouls in der Relation zu erhaltenen Fouls betrachten. Wird eine Mannschaft durch vermehrtes Foulspiel provoziert, so steigt wohl die Chance, dass diese ihrerseits mit vermehrten Unsportlichkeiten darauf reagiert. Auch gewisse Spieler, meist diejenigen, welche sehr viele Ballkontakte haben, werden vermehrt frühzeitig unter Druck gesetzt, gefoult und reagieren früher oder später oftmals selbst mit unfairen Attacken darauf.

Aber ist es wirklich so, dass Mannschaften, die ruppigem Spiel der gegner ausgeliefert sind, zwangsläufig mit vermehrtem Foulspiel darauf reagieren?

Setzt man nun erhaltene und begangene Fouls in Relation, so ist ein Wert deutlich unter 1 wohl als Indikator für eine Mannschaft zu werten, die sich nicht leicht provozieren lässt.

Nachfolgende Statistik soll diesen Faktor näher beleuchten und weist den Finalisten Argentinien diesbezüglich mit dem besten Wert (0,69) aus:

6 - Provokation

Eine kombinierte Wertung aus relativierten Daten von Karten und Fouls wie auch Berücksichtung der absolut erhaltenen Karten soll ein deutlicheres Bild offenbaren.

combined stack

Berücksichtigt man alle verfügbaren Daten und addiert diese, so erhält man eine Wertung, die zwar Frankreich knapp als Sieger ausweist. Jedoch nur ganz knapp vor Weltmeister Deutschland, die ihrerseits auf deutlich mehr absolvierte Spielminuten verweisen können.

7 -Overall

Weit abgeschlagen findet man hier den Gastgeber Brasilien und auch der vermeintliche Fairness-Sieger Kolumbien erwies sich nicht als die fairste Mannschaft dieser Weltmeisterschaft.

Und die Schiedsrichter, welche manchmal leider auch Fehlentscheidungen treffen, werden hier natürlich ebensowenig berücksichtigt wie versteckte Fouls, die nicht geahndet wurden.

Hier verhält es sich ähnlich wie mit der Frage nach Abseits.

Abseits ist es dann, wenn der Schiedsrichter pfeift, basta.

Da hilft kein Jammern und keine Beschwerde, ebenso wenig wie beim Zücken von Karten oder beim Ahnden von Fouls.

Alles eben relativ.

Und wie reich sind Sie? Das unterschätzte Vermögen der österreichischen Privathaushalte

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Illustration: Julia Schwaiger

Armut ist ein schwieriges Thema. Aber es ist Thema. Es wird in Zeitungen, in Talkshows und hochkarätigen Fernsehrunden besprochen. Armut hat öffentliches Diskussionspotential. Doch wie sieht es mit dem anderen Extrem, dem Reichtum der Eliten, aus? Man ahnt, dass dieser existiert, sich irgendwo in den Händen einiger Weniger konzentriert und dort vor sich hin schweigt.

Das Problem: Über Reichtum wird nicht geredet

Der deutsche Eliteforscher Michael Hartmann widmet sich der Frage, wie die Reichen ihren Reichtum öffentlich begründen. Die beliebteste Methode sei, darüber zu schweigen. Ihn als Thema nicht zuzulassen. Als Beispiel nennt er TV-Sendungen, in denen über Reichtum debattiert wird. Das Schwierigste daran sei einen Reichen als Gast zu bekommen. Diese Unsichtbarkeit von Reichtum gelte aber nicht nur in den Medien, „sondern auch dort wo er Gegenstand politischer Erörterung sein sollte“, so Hartmann.

Reden wir darüber!

Doch seit kurzem wird es uns etwas leichter gemacht, über Reichtum im eigenen Land konkret nachzudenken. Im Jahr 2012 sammelte die Europäische Zentralbank (EZB) in 15 Ländern der Eurozone erstmals umfangreiche Daten zu den Vermögen privater Haushalte. Im Unterschied zu früheren Erhebungen wurde nicht nur das Finanzvermögen, sondern auch Sachvermögen, Schulden und Ausgaben berücksichtigt, was ein viel aussagekräftigeres Bild ergibt. Für Österreich lieferten die Österreichische Nationalbank (OeNB) und das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) das Datenmaterial.

Steiles Vermögengefälle in Österreich

Nach dieser Household Finance and Consumption Survey (HFCS)-Studie besitzen die reichsten 10% der ÖsterreicherInnen 62% des Vermögens der Privathaushalte.

Vermögenskonzentration im europäischen Vergleich:

Österreich am “konzentriertesten”

Für einen internationalen Vergleich ist hier einführend die Vermögenskonzentration in Ländern der Eurozone dargestellt. Diese ist dem hochaktuellen „European Wealth Report“ (2014) zufolge im Staaten-Vergleich unterschiedlich stark ausgeprägt: Österreich weist – selbst mit konservativ berechneten 62 % Vermögensanteil der reichsten zehn Prozent des Landes – die höchste Vermögenskonzentration auf, dicht gefolgt von Deutschland mit 60 %. Slowenien bildet das Schlusslicht mit 29 % Vermögenswerten, die sich in den Händen der Top 10 % konzentrieren.

Der „European Wealth Report“ bezieht seine Daten von der Europäischen Zentralbank (EZB), weshalb hier bezüglich Österreich von 62 % Vermögensanteil der zehn reichsten Prozent am Gesamtvolumen die Rede ist. Wissenschaftler der JKU gehen nach Neuberechnungen davon aus, dass dieser Wert sogar auf 69 % nach oben korrigiert werden muss. Doch dazu weiter unten. Für einen relativen Staaten-Vergleich funktionieren die Zahlen jedenfalls, da sie überall auf die herkömmliche Weise erhoben und ausgewertet wurden.

Und was sehen wir? Österreich ist Gewinner in der Kategorie „besonders ungleiche Vermögensverteilung“.

 

JKU-Wissenschaftler berechnen die Vermögensverteilung neu:
Vermögensgefälle noch steiler als befürchtet

Nach der Veröffentlichung der Vermögensverteilung prüfte ein Wissenschaftler-Team der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) das empirische Ergebnis und kam mit einer alternativen Berechnungsmethode auf andere Zahlen. Demnach ist die Vermögenskonzentration am oberen Rand noch höher als bisher angenommen.
Die Wissenschaftler kritisierten, dass die Zahlen der Nationalbankstudie eine verzerrte Realität widergeben würden. Dabei geht es um das “Problem der fehlenden oder unzureichenden Erfassung der obersten Vermögensbestände, die in den Händen einiger weniger Haushalte konzentriert sind.” Das Gesamtvermögen werde dadurch “systematisch unterschätzt” und die tatsächliche Vermögensverteilung verfälscht.

Da die Reichen dem JKU-Team zufolge bei freiwilligen Befragungen ihren Reichtum chronisch unterschätzen und die Reichsten der Reichen erst gar nicht teilnehmen, kommt in der OeNB-Studie ein gesamtes Vermögen der österreichischen Privathaushalte von 1.000 Milliarden Euro heraus. Tatsächlich müsse dieses auf 1.249 Milliarden Euro korrigiert werden. Davon dürften die obersten 5% der Vermögenshierarchie mehr als die Hälfte ihr Eigen nennen. Das absolute Spitzenprozent besitzt demnach 37% des Gesamtvermögens bzw. 232 Mrd. Euro mehr als bisher angenommen.

“Pareto-Verteilung” als Methode zur Neuberechnung

Die Wissenschaftler benützten für die Neuauswertung des Datensatzes die in der Forschung etablierte „Pareto-Verteilung“, welche eine näherungsweise Darstellung des oberen Rands der Vermögensverteilung gewährleistet.

Das Pareto-Prinzip beschreibt eine Gesetzmäßigkeit, die der italienische Ökonom Vilfredo Pareto Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte. Pareto fand heraus, dass sich 80 % des italienischen Grundeigentums in den Händen von 20 % der Bevölkerung befanden. Heute legen Lebensberater und andere Glücksuchende das als 80/20-Regel bezeichnete Prinzip auf viele Alltagsbereiche um. Die Grund-Aussage bleibt dieselbe: 20 % unserer Aktivitäten bzw. unseres Einsatzes sorgen für 80 % unserer Ergebnisse bzw. unseres Erfolgs. Das Verhältnis der Zahlen variiert dabei: es kann auch 10:90 lauten usw.

Beispiele gibt es viele: 20 % der Mitarbeiter einer Firma tragen 80 % zum Umsatz bei, von allen Anrufen führt man 80 % der Gespräche mit 20 % aller Gesprächspartner, 80 % der Zeit tragen wir 20 % derselben Kleidungsstücke aus unserem Kasten.

Zeichnung_Pareto Prinzip
Illustration: Julia Schwaiger. Schema von: www.beyourbest.de/erfolgsgrundsätze/das-pareto-prinzip

Mathematisch abgeleitet wurde aus der Gesetzmäßigkeit die Pareto-Verteilung, die ein statistisches Phänomen beschreibt: in vielen empirischen Fällen tragen innerhalb einer Wertemenge wenige hohe Werte mehr zum Gesamtvolumen bei als die vielen kleinen Werte dieser Menge.

Dieses Phänomen lässt sich an der Vermögensverteilung in Österreich bei den reichsten 10 % des Landes ablesen. Innerhalb dieser Gruppe trägt der Anteil des allerreichsten Prozents erheblich zum vermögenden Charakter dieser 10 % in Relation zu den restlichen 90 % der ÖsterreicherInnen bei. Außerdem steigt der Besitz des einen Top-Prozent innerhalb der 10%-Gruppe indirekt proportional, wenn die Daten neu berechnet werden.

Mit einfachen Worten: die Wissenschaftler wirkten den Unzulänglichkeiten der Erhebung nachträglich mit Hilfe der Mathematik entgegen. So kamen sie der realen Vermögenssituation ein ganzes Stück näher und konnten zeigen, dass die Konzentration bei Österreichs Eliten noch höher ist als gedacht.

Eine Gegenüberstellung der originalen HFSC-Daten mit den modifizierten Daten der JKU:

Grafik Vermögen_ohne Legende

Grafik Vermögen_LegendeQuellen: JKU Linz 2013, AK Wien 2013.
Illustration: Julia Schwaiger

Was macht die Korrektur so dramatisch?

Die Anwendung der Pareto-Verteilung bewirkt bei den reichsten 10 % des Landes der HFCS-Studie einen “Vermögens-Sprung” nach oben. Sie besitzen nicht mehr “nur” 636,861 Mrd. Euro, sondern 936,021 Mrd. Euro. Der Vermögensstand des reichsten 1 % der ÖsterreicherInnen wächst durch die Korrektur um 98,6 % von 236,958 Mrd. Euro auf 469,058 Mrd. Euro. Vom Anstieg des Gesamtvermögens der österreichischen Bevölkerung von rund 1000 Mrd. Euro auf rund 1249 Mrd. Euro entfällt damit der mit Abstand größte Zugewinn auf das reichste 1 %.

Problematik mit der Studie der Österreichischen Nationalbank

Die HFCS-Studie wird in der Regel von offiziellen Stellen und PolitikerInnen für die Darstellung der österreichischen Vermögenssituation herangezogen, womit Fragen von öffentlichem Interesse – wie etwa Vermögenskonzentration und -besteuerung einher gehen. Das ist ob der eingeschränkten Anwendbarkeit der Daten problematisch: es macht einen großen Unterschied wie der „obere Rand“ bewertet wird, nicht zuletzt bezüglich der steuerlichen Lukrierungs-Möglichkeiten für den Staat.

 

Politische Brisanz der Reichtumskonzentration

Der „European Wealth Report“ trifft eine Langzeitprognose, wonach die Vermögenskonzentration in europäischen Ländern konstant ansteige. Und Österreich ist vorne mit dabei. Ein Mitgrund ist hierzulande eine der niedrigsten Abgabenquoten auf Vermögen im OECD-Vergleich und die abgeschaffte Erbschafts- sowie Schenkungssteuer. Vor allem aber sind laut dem Report, der sich dabei an Erklärungen des französischen Ökonomen Thomas Pikettys orientiert, die Kapitalrenditen, die höher als das Wirtschaftswachstum sind, dafür verantwortlich.

Die österreichische Debatte um Vermögenssteuern 

Unsere europäischen Gesellschaften driften genau so auseinander wie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen innerhalb der Staaten. Um öffentlichen Druck zu erzeugen, reicht es allerdings nicht aus, über die ungleiche Verteilung zu monieren. Es muss eine offene Steuerdebatte losgetreten werden. Denn schließlich handelt es sich – wie uns die Grafiken gezeigt haben – nicht um vernachlässigbare Summen, die mit einer höheren Besteuerung von Vermögen erreicht würden. Die politischen Entscheidungen über die Besteuerung von Privatvermögen haben weitreichende Konsequenzen.

Eine scharfe Kritikerin des „besonders ungerecht verteilten“ österreichischen Vermögens ist seit jeher die Arbeiterkammer (AK). Bei der Präsentation des „Unabhängigen Jahreswirtschaftsberichts“ im Dezember 2014 plädiert AK-Experte Matthias Schnetzer für eine höhere Vermögensbesteuerung, um der Ungleichheit in Österreich entgegen zu wirken. Mehr Ungleichheit bedeute nicht zuletzt auch mehr Arbeitslosigkeit. Markus Marterbauer, Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Wiener AK, spricht sich im Jänner 2015 gegenüber der Stadtzeitung “Falter” für eine Vermögenssteuer aus, die einer Lohnsteuersenkung gegenüber stehen müsse. Sein Argument ist, dass dadurch Leistung belohnt und das Gemeinwohl finanzierbar würde. Gleichzeitig würde gesellschaftliche Machtkonzentration abnehmen.

Das ideologische Pendant der AK-Vertreter ist Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV) Wien. Er positioniert sich an derselben Stelle im “Falter” als entschiedener Gegner von Vermögenssteuern. Aus seiner Sicht bilden die Vermögenswerte einer Gesellschaft den für das Wohlstandsniveau wesentlichen “Kapitalstock”, der nicht aufgezehrt werden dürfe. Wie auch in der ÖVP ist seine Argumentationslinie jene, die ein Ausgabenproblem beim Staat sieht, das nicht durch einnahmenseitige Gegenfinanzierung geregelt werden könne.

Wie auch immer man zu Steuerfragen steht: ein erster wichtiger Schritt, um überhaupt eine fundierte politische Debatte darüber führen zu können, wäre, das Thema Reichtum aus seinem Versteck hervor zu holen und seine Bedeutung für die Gesamtgesellschaft offen zu legen.

Autorinnen: Julia Schwaiger & Franziska Lehner

Quellen
  • Andreasch, Michael/ Fessler, Pirmin/ Mooslechner, Peter/ Schürz, Martin (2012): Fakten zur Vermögensverteilung in Österreich: In: Bmask (Hg.): Sozialbericht 2012. Wien.
  • Bär, Julius (2014): European Wealth Report.
  • Eckerstorfer, Paul/ Halak, Johannes/ Kapeller, Jakob/ Schütz, Bernhard/ Springholz, Florian/ Wildauer, Rafael (2013): Vermögen in Österreich. Bericht zum Forschungsprojekt „Reichtum im Wandel“. Juli 2013. Johannes Kepler Universität Linz (JKU).
  • Andreasch, Fessler, Mooslechner, Schürz – Sozialbericht (2012): Fakten zur Vermögensverteilung in Österreich
  • Schürz, Martin (2013): Marginalien zu guten Vermögenden und bösen Reichen. In: Die Armutskonferenz (Hg.): Was allen gehört. Commons – Neue Perspektiven in der Armutsbekämpfung. S. 103-115.
  • Arbeiterkammer Wien (2013): Die Verteilung von Vermögen in Österreich. In: AK Infos. Wien. URL: http://wien.arbeiterkammer.at/service/studien/WirtschaftundPolitik/studien/Die_Verteilung_von_Vermoegen_in_Oesterreich.html [Zugriff: 2014-01-06]

Das schrumpfende Kärnten

Laut einer aktuellen Prognose der Statistik Austria wird Österreich bis 2075 um 12,97 % mehr Einwohner haben als noch 2013. Blickt man dabei genauer auf die Prognosen der einzelnen Bundesländer erkennt man: Kärnten trägt dazu keinen Teil bei – im Gegenteil. Warum das so ist, versuche ich anhand von Vergleichen mehrerer Faktoren zu untersuchen.

Ja, es stimmt (was Abbildung 1 zeigt): Während sechs Bundesländer in den kommenden 60 Jahren um mindestens zehn Prozent wachsen werden und zwei weitere zwar nicht derart rasant, aber eben doch größer werden, wird Kärnten bis 2075 um 9,63 % weniger Menschen auf den insgesamt knapp neuneinhalb Tausend Quadratkilometern beherbergen.

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Abbildung 1: Die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung der einzelnen Bundesländer von 2013 bis 2075 – Quelle: Statistik Austria

Der Blick in die Bezirke

Interessant dabei ist auch die Bevölkerungsentwicklung in den zehn Bezirken Kärntens: einzig Klagenfurt, Klagenfurt-Land sowie Villach sind in der Zeit von 2002 bis 2012 gewachsen, die fünf schrumpfenden Bezirke verloren durchschnittlich 4 % der Bevölkerung.

 

Abbildung 2: Bevölkerungsentwicklung in den zehn Bezirken Kärntens von 2002 bis 2012 – Quelle: Statistik Austria / IHS

Die Prognose der Bevölkerungsentwicklung in den einzelnen Kärntner Bezirken zeigt, dass sich bis 2030 mehr und mehr Menschen rund um Klagenfurt und Villach ansiedeln werden, während in den „Außenbezirken“ die Einwohnerzahl noch stärker sinken wird. So sieht Abbildung 3 zwar grüner aus – doch das erreichte Wachstum von über einem Prozent in Feldkirchen und Villach-Land macht die verstärkte Abwanderung aus den rot eingefärbten Bezirken nicht wett.

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Abbildung 3: Prognostizierte Bevölkerungsentwicklung in den zehn Bezirken Kärntens von 2010 bis 2030 – Quelle: ÖROK

Überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit

Wie die vom AMS veröffentlichten Zahlen für 2013 zeigen, sind alle Bezirke bis auf Hermagor von überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit betroffen. So waren damals 10,2 % aller Kärnterinnen und Kärntner von Arbeitslosigkeit betroffen (siehe Abbildung 4). Dies kann somit als einer der möglichen Gründe für die hohen Abwanderungszahlen Kärntens angeführt werden. Spittal an der Drau ist 2014 der Arbeitsmarktbezirk mit der höchsten Arbeitslosenrate in ganz Österreich. (Arbeitsmarktbezirke sind nicht automatisch gleichzusetzen mit den politischen Bezirken: In Kärnten wurde bei Villach und Klagenfurt das Umland dazugerechnet – Villach Land und Klagenfurt Land)

//e.infogr.am/arbeitslosenzahlen_karnten_2013

Test
Abbildung 4: Arbeitslosenrate in den einzelnen Bezirken Kärntens 2013 – inkl. Vergleich Kärnten- und Österreichdurchschnitt – Quelle: AMS

Wirtschaftliche Faktoren

Die Zahl der Insolvenzen ist im Vergleich von 2013 auf 2014 gesunken. Werden 2013 noch 7,24 % aller österreichischen Insolvenzen in Kärnten angemeldet, so waren es 2014 schließlich 6,76 %. Dass Kärnten dabei einen relativ kleinen Teil aller österreichischer Insolvenzen einnimmt ist selbsterklärend, lässt sich leicht mit der Anzahl der Unternehmen erklären. Schaut man sich aber die Insolvenzen pro 1.000 Unternehmen österreichweit an, findet man Kärnten auf dem zweiten Platz im Negativranking, hinter Wien und über dem Durchschnitt von ganz Österreich, wie Abbildung 5 zeigt.

//e.infogr.am/insolvenzenpro1000

Test
Abbildung 5: Insolvenzen pro 1.000 Unternehmen im Bundesländervergleich 2014 – Quelle: Creditforum

Where have all the Kärntners gone?

Die Binnenwanderung, also die Wanderung innerhalb Österreichs (von einem Bundesland ins andere), zeigt das große Dilemma: Es zieht sehr viele Kärntnerinnen und Kärntner in Richtung Wien, aber sehr weniger Wiener nach Kärnten. Dabei gehen selbst die kleinen positiven Binnenwanderungssaldos, die die Zuwanderung aus Oberösterreich, Niederösterreich und Salzburg erzeugen, unter: es zog die Bewohner Kärntens hauptsächlich in die Bundeshauptstadt.

//e.infogr.am/125423-2919089263

Test
Abbildung 6: Binnenwanderungen von Kärnten in andere Bundesländer und aus anderen Bundesländern nach Kärnten – Quelle: Statistik Austria

Schwierige Spurensuche

Es ist natürlich nicht möglich, rein mithilfe von Statistiken und Zahlen die Gründe zu nennen, warum Kärnten schrumpft. Die überdurchschnittliche hohe Arbeitslosigkeit und die überdurchschnittlich hohe Anzahl an Insolvenzen zeigen, dass es dem Land wirtschaftlich nicht gerade gut geht. Eine der Gründe für den Wegzug vieler junger Menschen ist offenbar aber auch das magere Angebot an tertiären Bildungseinrichtungen. Während in Wien übermäßig viele Menschen studieren, hat die Universität Klagenfurt in zumindest drei Studienrichtungen mehr Plätze als Studierende, wie Die Presse berichtete. So schreiben auch Experten des Kärntner Instituts für Höhere Studien (IHS), dass der Hochschulstandort in Kärnten zu wenig attraktiv ist.

Ein Grund seien, so lautet die Studie des IHS, die fehlenden Investitionen aus öffentlicher Hand. Wegen der angespannten Budgetlage sei es nicht möglich gewesen, durch Investitionen die Konjunktur zu besänftigen.

Die Auswirkungen der Abwanderung

Wie eine Studie über die Demografie Kärntens und die damit einhergehende Frage nach einer funktionierenden Daseinsvorsorge zeigt, wird die Abwanderung junger Menschen, ob nun Studierende oder Fachkräfte, für Kärnten weitreichende Folgen haben.

Schon jetzt ist der demographische Wandel (weniger junge, mehr ältere Menschen) in Österreich zu beobachten. In Kärnten ist die Alterung der Bevölkerung (gemeinsam mit dem Burgenland) am meisten fortgeschritten: 19,5 % der Personen sind über 64 Jahre alt.

//e.infogr.am/asdsadadsasd-5263

Test
Abbildung 7: Die Altersstruktur im Vergleich Kärnten, Wien und Österreich – Quelle: Statistik Austria

Verstärkt wird dieser demografische Wandel natürlich in den ländlichen Gebieten durch die Abwanderung ins Stadtumland. Für die Gemeinden ist es dadurch oft schwierig, Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen weiterhin betreiben zu können. Müssten sie sie schließlich zusperren, so wäre das nur ein weiterer Grund, warum man sich an einem solchen Ort nicht ansiedeln sollte.

Und während fehlender Zuzug sinkende Einnahmen für die Gemeinden bedeutet, kämpfen diese zudem mit einer stark steigenden Ausgabenentwicklung im Bereich Gesundheit und Soziale Wohlfahrt (für die Generation 65+), wobei die Gemeinden trotz hohem Investitionsbedarf nicht ausreichend Geld von der öffentlichen Hand bekommen.

Wie man dieser Misere entgegensteuern kann? Das ist wohl die große Frage, der sich die Landesregierungen der kommenden Jahrzehnten beschäftigen wird. Ein Weg ist z.B. die Schaffung neuer Arbeitsplätze, eine Gründungs- sowie eine Wohnbauoffensive. Doch in Zeit knapper Landeskassen wird das wohl noch eine Zeit auf sich warten lassen.

Autor: Dominik Leitner / dominikleitner.com / @dmnkltnr / fb.me/dmnk.ltnr
(Auch veröffentlicht auf dominikleitner.com)

Gewalttätige Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter

Humanitäre Helfer werden immer häufiger Ziele von gewalttätigen Angriffen. Mit Hilfe der Datenbank “Aid Worker Security Database” der Organisation Humanitarian Outcomes untersuchen wir Trends und Veränderungen und möchten deren Ursachen verstehen.

Die Datenbank wird ermöglicht durch finanzielle Unterstützung des kanadischen Ministeriums für Außenpolitik und Internationalen Handel, dem amerikanischen Büro für ausländische Katastrophenunterstützung und durch die irische Regierung.

Zum Thema “Gewalt gegen humanitäre Mitarbeiter” hat der UN Sicherheitsrat im August 2014 eine Resolution beschlossen.

01 Angriffsvorfälle

Im Jahr 2003 wurden in der Datenbank aidworkersecurity.org weltweit 63 Zwischenfälle registriert, bei denen 143 humanitäre Helfer entführt, verletzt oder sogar getötet wurden. Bis 2013  stiegen diese Zahlen auf 264 Zwischenfälle mit 474 Opfern.

GRAFIK I: Anzahl der gewalttätigen Angriffe

Die Anzahl der gewalttätigen Angriffe zeigt im langfristigen Trend eindeutige Steigerungen. Quellenkritisch muss jedoch beachtet werden, dass die Aufmerksamkeit für solche Angriffe im Vergleichzeitraum gestiegen ist. Die erhöhte Aufmerksamkeit wiederum geht einher mit höhere Berichterstattung. Neben der gestiegen Anzahl der Vorfälle ist auch die Zahl der Opfer gewalttätiger Angriffe gestiegen.

GRAFIK II: Opfer von Gewalt Zeitverlauf absolute Zahlen 2009 bis 2013

Problem: Gesamtanzahl humanitärer Mitarbeiter Es gibt  Angaben zur Entwicklung der absoluten Anzahl humanitärer Mitarbeitern. Leider war nicht möglich die absoluten Zahlen aller globalen humanitären Mitarbeiter für das Jahr 2013 zu ermitteln.

In 2008, the total number of aid workers in the field (including both relief and development workers) was roughly 595,000. On average, the humanitarian fieldworker population has increased by approximately 6% per year over the past 10 years (Stoddard et al 2009) source:https://www.ifrc.org/docs/IDRL/The%20state%20of%20the%20humanitarian%20system,%20assessing%20performance%20and%20progress.pdf

Zusätzlich wäre es nötig, die Anzahl der humanitären Mitarbeiter pro Land zu erheben um die Anzahl der Vorfälle bzw. der Opfer,zu sehen.

02 Länder, in denen es 2013 vermehrt zu Angriffen kam

Gewalttätige Attacken konzentrieren sich geographisch auf den Mittleren Osten, Nordafrika, Afghanistan, Pakistan und Südsudan. Die meisten Angriffe finden vor allem in fünf Ländern statt. Syrien, Südsudan, Sudan, Afghanistan und Pakistan umfassen ¾ aller Angriffe. Die hohen Werte liegen vor allem an der Zunahme der Konflikte in Syrien und im Südsudan. Afghanistan hat die höchste absolute Zahl an Angriffen mit 81 dokumentierten Vorfällen. Im Vergleich dazu gab es  44 Angriffe in Syrien, 35 Vorfälle im afrikanischen Südsudan,17 in Pakistan und 16 in Sudan.

GRAFIK III: Weltkarte eingefärbt nach Häufigkeit, Vorfälle 2013 

Kritik an der Darstellung: Sudan und Südsudan sind hier noch ein Land trotz Unabhängigkeit im Jahr 2011. Mailkontakt mit Programmierer. Seine Antwort:”You’re right about the lack of South Sudan, I haven’t updated the borders since it became independent. I don’t have a quick fix for you unfortunately, the best you could do with OpenHeatMap is switch to displaying bubbles rather than country borders”

03 Angriffsorte

GRAFIK IV: Orte des Angriffs

2013 vermehrt Angriffe auf offener Straße

Jedes Jahr nehmen die Opfer zu, die bei Transporten bzw. während des Transits auf offener Straße attaktiert werden. 2013 fanden über die Hälfte aller Angriffe in diesem Zusammenhang statt. Die UN-Resolution fordert die Staatengemeinschaft auf, für sichere Transportwege für humanitäre Mitarbeiter zu sorgen. Da lokale Mitarbeiter sich vor Ort besser auskennen, werden Transporte durch lokale Angestellte durchgeführt. Diese sind lokale Mitarbeiter durch Transportfahrten stärker gefährdet für gewalttäige Angriffe. Keine klaren Antworten liefert die Forschung auf die Frage, ob die Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter nicht zu verhindernde Zwischenfälle sind, weil diese zwischen die Fronten geraten oder zu welchem Ausmaß es sich um dezidiert(gezielte) Angriffe handelt.

“In Afghanistan [Anm.z.B.] verwendet das Rote Kreuz das Schutzzeichen des Roten Kreuzes nicht mehr, weil die terroristische Netzwerke dieses Kreuz als ein westliches Symbol sehen. Das hat dazu geführt, dass es geradezu zum Angriffsziel wurde.” (Quelle: http://www.dw.de/humanit%C3%A4re-hilfe-im-fadenkreuz/a-17861367)

04 Angriffsopfer

GRAFIK V: ORGANISATIONEN

Einheimische besonders betroffen Die Statistiken zeigen, dass es vor allem die lokalen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen sind, die Opfer gewalttätiger Angriffe werden. Verschiedene divergierende Erklärungsansätze

Begründung 1: Sie sind meist in Führungspositionen. Folglich gibt es in den Projektländern weniger “Internationals” als “Locals” im Dienste der Hilfsorganisationen. Die stärkeren Schutzmaßnahmen für Unterkünfte und Büros, in denen “Internationals” wohnen und arbeiten, sowie die ständige Wachsamkeit führen zur Entfremdung.

Begründung 2: “Die lokalen Mitarbeiter gehen abends nach Hause zu ihren Familien. Die internationalen Helfer bleiben aber in den Anlagen und verbringen viel mehr Zeit unter sich. In einigen Fällen führt das zur Entfremdung von internationalen Helfern, lokalen Kräften und der Bevölkerung vor Ort.”

Quelle: http://www.dw.de/humanit%C3%A4re-hilfe-im-fadenkreuz/a-17861367

Begründung 3: UN lagert humanitäre Hilfe an lokale Projektpartner aus. “Implementierung” aus Kostengründen, deswegen auch höhere Angriffszahlen auf Einheimische (Information vom Geschäftsführer Ärzte ohne Grenzen, Österreich).

05 Methoden des Angriffs

GRAFIK VI: Methoden des Angriffs

Bei der Angriffsmethode lässt sich keine signifikante Methode erkennen. Ein Blick auf die Grafik suggeriert einen Anstieg bei allen Methoden. Auch hier gilt es wieder zu hinterfragen, ob diese Zahlen und damit die vermeintlichen Steigerungen nicht durch eine erhöhte Aufmerksamkeit und damit eine erhöhte Berichterstattung bedingt werden.

Die erhöhten Zahlen bei “kidnappings” zeigen, dass diese Methode zu einer Geschäft genutzt wird. “Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ finanzieren sich von dem Geld, das sie durch Entführungen erpressen. Die meisten Staaten zahlen, einige nicht. Beide Haltungen haben jedoch das „Kidnapping-Business“ nicht gestoppt. “(Kölner Stadt Anzeiger, 24.08.2014)

Quellenkritik

Bessere Dokumentation

Die Konfliktforscherin (USAID) Larissa Fast sieht als wesentlichen Grund für die gestiegenen Zahlen sei eine veränderte Berichterstattung. “In den späten 1990er Jahren haben wir das nicht so verfolgt wie heute”, argumentiert Fast.

Datenerhebung

Die Daten der Vorfälle in der Datenbank  stammen aus öffentlichen Quellen, die mittels gezielter Mediaanalyse erhoben wurden und wurden direkt von Hilfsorganisationen und Hilfseinheiten zur Verfügung gestellt.

Begriffdefinition

“Aid workers” werden als Angestellte Personen von non-profit Hilfsagennturen (national und international) bezeichnet, die Material und technische Hilfe im humanitären Kontext liefern. NGOs, the International Movement of the Red Cross/Red Crescent, donor agencies and the UN agencies belonging to the Inter-Agency Standing Committee on Humanitarian Affairs (FAO, OCHA, UNDP, UNFPA, UNHCR, UNICEF, WFP and WHO) plus IOM and UNRWA. The aid worker definition includes various locally contracted staff (e.g., drivers, security guards, etc.), and does not include UN peacekeeping personnel, human rights workers, election monitors or purely political, religious, or advocacy organizations.

(Quellen: Aid Worker Security Database, http://www.princeton.edu/~pcglobal/conferences/aid2013/papers/Narang_AidWorkerAttack_Princeton.pdf und http://www.iar-gwu.org/node/63)

Autoren auf Twitter folgen: Sandra Barthel & Claudia Tschabuschnig

Best online storytelling and journalism 2014

This very inspiring list with 30 of the best journalistic online projects contains a lot of best practice examples for dealing with data.

Author Josh Stearns has grouped the list around key themes:

  1. The Year Audio Went Viral
    e.g. Serial

    If you only listened to Serial then you missed a lot of great aspects of the story which were only available on the podcast’s website in blog posts, source documents, maps and more.

  2. Telling Stories With Sensors and Satellites
    e.g. Losing Ground

    The team used a mix of great local reporting paired with striking satellite imagery and historical maps to show the pace of change on the Louisiana coastline.

  3. Get The Picture? Graphic Journalism in 2014
    e.g. Terms of Service

    Aljazeera America created a print comic book, Terms of Service, about a very digital topic: privacy, security and big data. In addition, they released the tool they created so others could create graphic journalism like this.

  4. Immersive Stories on Health and the Environment
  5. A Big Year for Crowdsourcing and Eyewitness Media
  6. Structuring Journalism For Context
    e.g. Assets, Objects, Points

    how the fundamental elements of stories can be collected, organized, presented and reused (by journalists or members of the community) through unique story-driven databases.

    structured-journalism

  7. A Web of Many Languages — Multilingual Multimedia Storytelling
    e.g. Inside the Firewall: Tracking the news that China blocks

Best primer to different types of charts ever

There are quite some sober and more vivid overviews of different charts, easily found via a search phrase of your choosing.

But there is one outstanding introduction to the power of charts and graphs – and the advantages of a certain type:

Turning 30: Described in Charts and Graphs provides a data-driven “completely scientific analysis of what it means to turn the dirty 30”. And, most relevant for our datajournalism class, gives great examples for different charts:

Bar Chart:
bar-charts

Stacked Bar Chart:
stacked-bar-chart

Spider Chart:
spider-chart

Area Chart:
area-chart

See Turning 30: Described in Charts and Graphs for more.

Maps – considering projections

Maps should be used in moderation

says Friedrich Lindenberg – and he is right. It is tempting to use maps for all kinds of visualizations, but there a quite a lot of pitfalls (a classic one: your data actually relates to the number of people living in a certain area, not the size of that area).

One aspect for maps relating to the size of countries (or continents) that has to be considered is the choice of the projection. The definitive must-see in this field is The True Size of Africa.

True size of Africa

 

Compare that with the classic Mercator projection (as used in Google Maps and also Infogr.am):

world-mercator

And see a Robinson projection for contrast. The size of Greenland is almost as stunning as Africa.

world-robinson

Screenshots for projections from Mapstarter.

Tools, tools, tools

Recommendations for simple charts:

Datawrapper

Infogr.am

Chartbuilder

RAW

 

Very helpful list for a broad range of tools: Digital Resources for investigative reporters, by Friedrich Lindenberg.

Some quotes:

Data driven marketing – ein Beispiel für verspätete Quellenkritik beim Guardian

Dem Guardian ist in diesem Artikel ein lehrreicher und typischer Fehler bei der Übernahme einer Agenturmeldung unterlaufen. Der Artikel ging mit der Headline “Britain’s most popular baby boy’s name? Muhammad” live.

Hier der entsprechende Screenshot:

guardian-babynames

Wenig später erkannte man beim Guardian, dass die Aussage des Artikels in der zugespitzten Form nicht haltbar war. Die Artikel stützte sich auf Daten aus einer Umfrage der Seite BabyCentre, suggerierte aber eine Repräsentativität für die Gesamtbevölkerung in Großbritannien.

In einer Überarbeitung des Artikels wurde der Titel relativiert: “Britain’s most popular baby boy’s name? Muhammad, survey claims”

Im Anreisser wurde auch nicht mehr festgestellt, dass die BabyCentre Website einen Anstieg arabischer Namen “enthüllt” (“reveals”) habe, sondern dass sie das lediglich “behaupte” (“says”). Ein beigestellter Artikel des Guardian Data Blog beleuchtete die tatsächliche Faktenlage.

Hier der Screenshot des aktualisierten Artikels:

guardian-babynames-corrections

Eine Erklärung über die Editierung des Artikels:

guardian-babynames-corrections-explained

Und der Datablog Artikel, der den Umfragedaten der Webseite BabyCentre, repräsentativere Zahlen zur Namensstatistik entgegenhält. Die zuvor behauptete Topposition von “Muhammad” als populärster Bubenname 2014 wird durch die offiziellen Zahlen von 2013 widerlegt. Muhammad liegt auf Platz 15 und ist auch bei Berücksichtigung verschiedener Schreibweisen nicht auf Platz 1 (weil dann auch für andere Namen verschiedene Schreibweisen zusammengefasst werden müssten, etwa “Oliver” und “Ollie”).

 

guardian-datablog

 

guardian-datablog-data

In einem weiteren Artikel beleuchtet der Guardian schließlich die “Wahrheit über Britanniens missverstandensten Namen Muhammad”:

 

So why does the story keep returning? Partly, perhaps, because it plays on fears of both immigration and cultural change. While Muslims make up 4.4% of the UK population, a more significant factor is that, while the rest of the population is increasingly choosing from a wider pool of names (think Tyrion and Piper, apparently inspired by Game of Thrones and Orange is the New Black), Muslims are sticking with Muhammad.

Der Guardian kratzt mit dieser offensiven Auseinandersetzung mit einem Quellenfehler also nochmal die Kurve und dreht das Thema glaubwürdig  weiter.

 

Lessons learned:

  • Quellen für Daten hinterfragen
  • Repräsentative Daten der Gesamtbevölkerung? Oder ein Sample aus einer Umfrage von einer (nicht repräsentativen) Seite oder Studie?
  • Wer ist der Absender der Daten, wer hat sie erhoben? Wie? Mit welchem Interesse?
  • Ein Beispiel für Data driven marketing: eine scheinbar objektive Story mit hohem Newswert steigert die Aufmerksamkeit für die Webseite BabyCentre