Und wie reich sind Sie? Das unterschätzte Vermögen der österreichischen Privathaushalte

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Illustration: Julia Schwaiger

Armut ist ein schwieriges Thema. Aber es ist Thema. Es wird in Zeitungen, in Talkshows und hochkarätigen Fernsehrunden besprochen. Armut hat öffentliches Diskussionspotential. Doch wie sieht es mit dem anderen Extrem, dem Reichtum der Eliten, aus? Man ahnt, dass dieser existiert, sich irgendwo in den Händen einiger Weniger konzentriert und dort vor sich hin schweigt.

Das Problem: Über Reichtum wird nicht geredet

Der deutsche Eliteforscher Michael Hartmann widmet sich der Frage, wie die Reichen ihren Reichtum öffentlich begründen. Die beliebteste Methode sei, darüber zu schweigen. Ihn als Thema nicht zuzulassen. Als Beispiel nennt er TV-Sendungen, in denen über Reichtum debattiert wird. Das Schwierigste daran sei einen Reichen als Gast zu bekommen. Diese Unsichtbarkeit von Reichtum gelte aber nicht nur in den Medien, „sondern auch dort wo er Gegenstand politischer Erörterung sein sollte“, so Hartmann.

Reden wir darüber!

Doch seit kurzem wird es uns etwas leichter gemacht, über Reichtum im eigenen Land konkret nachzudenken. Im Jahr 2012 sammelte die Europäische Zentralbank (EZB) in 15 Ländern der Eurozone erstmals umfangreiche Daten zu den Vermögen privater Haushalte. Im Unterschied zu früheren Erhebungen wurde nicht nur das Finanzvermögen, sondern auch Sachvermögen, Schulden und Ausgaben berücksichtigt, was ein viel aussagekräftigeres Bild ergibt. Für Österreich lieferten die Österreichische Nationalbank (OeNB) und das Institut für empirische Sozialforschung (IFES) das Datenmaterial.

Steiles Vermögengefälle in Österreich

Nach dieser Household Finance and Consumption Survey (HFCS)-Studie besitzen die reichsten 10% der ÖsterreicherInnen 62% des Vermögens der Privathaushalte.

Vermögenskonzentration im europäischen Vergleich:

Österreich am „konzentriertesten“

Für einen internationalen Vergleich ist hier einführend die Vermögenskonzentration in Ländern der Eurozone dargestellt. Diese ist dem hochaktuellen „European Wealth Report“ (2014) zufolge im Staaten-Vergleich unterschiedlich stark ausgeprägt: Österreich weist – selbst mit konservativ berechneten 62 % Vermögensanteil der reichsten zehn Prozent des Landes – die höchste Vermögenskonzentration auf, dicht gefolgt von Deutschland mit 60 %. Slowenien bildet das Schlusslicht mit 29 % Vermögenswerten, die sich in den Händen der Top 10 % konzentrieren.

Der „European Wealth Report“ bezieht seine Daten von der Europäischen Zentralbank (EZB), weshalb hier bezüglich Österreich von 62 % Vermögensanteil der zehn reichsten Prozent am Gesamtvolumen die Rede ist. Wissenschaftler der JKU gehen nach Neuberechnungen davon aus, dass dieser Wert sogar auf 69 % nach oben korrigiert werden muss. Doch dazu weiter unten. Für einen relativen Staaten-Vergleich funktionieren die Zahlen jedenfalls, da sie überall auf die herkömmliche Weise erhoben und ausgewertet wurden.

Und was sehen wir? Österreich ist Gewinner in der Kategorie „besonders ungleiche Vermögensverteilung“.

 

JKU-Wissenschaftler berechnen die Vermögensverteilung neu:
Vermögensgefälle noch steiler als befürchtet

Nach der Veröffentlichung der Vermögensverteilung prüfte ein Wissenschaftler-Team der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) das empirische Ergebnis und kam mit einer alternativen Berechnungsmethode auf andere Zahlen. Demnach ist die Vermögenskonzentration am oberen Rand noch höher als bisher angenommen.
Die Wissenschaftler kritisierten, dass die Zahlen der Nationalbankstudie eine verzerrte Realität widergeben würden. Dabei geht es um das „Problem der fehlenden oder unzureichenden Erfassung der obersten Vermögensbestände, die in den Händen einiger weniger Haushalte konzentriert sind.“ Das Gesamtvermögen werde dadurch „systematisch unterschätzt“ und die tatsächliche Vermögensverteilung verfälscht.

Da die Reichen dem JKU-Team zufolge bei freiwilligen Befragungen ihren Reichtum chronisch unterschätzen und die Reichsten der Reichen erst gar nicht teilnehmen, kommt in der OeNB-Studie ein gesamtes Vermögen der österreichischen Privathaushalte von 1.000 Milliarden Euro heraus. Tatsächlich müsse dieses auf 1.249 Milliarden Euro korrigiert werden. Davon dürften die obersten 5% der Vermögenshierarchie mehr als die Hälfte ihr Eigen nennen. Das absolute Spitzenprozent besitzt demnach 37% des Gesamtvermögens bzw. 232 Mrd. Euro mehr als bisher angenommen.

„Pareto-Verteilung“ als Methode zur Neuberechnung

Die Wissenschaftler benützten für die Neuauswertung des Datensatzes die in der Forschung etablierte „Pareto-Verteilung“, welche eine näherungsweise Darstellung des oberen Rands der Vermögensverteilung gewährleistet.

Das Pareto-Prinzip beschreibt eine Gesetzmäßigkeit, die der italienische Ökonom Vilfredo Pareto Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte. Pareto fand heraus, dass sich 80 % des italienischen Grundeigentums in den Händen von 20 % der Bevölkerung befanden. Heute legen Lebensberater und andere Glücksuchende das als 80/20-Regel bezeichnete Prinzip auf viele Alltagsbereiche um. Die Grund-Aussage bleibt dieselbe: 20 % unserer Aktivitäten bzw. unseres Einsatzes sorgen für 80 % unserer Ergebnisse bzw. unseres Erfolgs. Das Verhältnis der Zahlen variiert dabei: es kann auch 10:90 lauten usw.

Beispiele gibt es viele: 20 % der Mitarbeiter einer Firma tragen 80 % zum Umsatz bei, von allen Anrufen führt man 80 % der Gespräche mit 20 % aller Gesprächspartner, 80 % der Zeit tragen wir 20 % derselben Kleidungsstücke aus unserem Kasten.

Zeichnung_Pareto Prinzip
Illustration: Julia Schwaiger. Schema von: www.beyourbest.de/erfolgsgrundsätze/das-pareto-prinzip

Mathematisch abgeleitet wurde aus der Gesetzmäßigkeit die Pareto-Verteilung, die ein statistisches Phänomen beschreibt: in vielen empirischen Fällen tragen innerhalb einer Wertemenge wenige hohe Werte mehr zum Gesamtvolumen bei als die vielen kleinen Werte dieser Menge.

Dieses Phänomen lässt sich an der Vermögensverteilung in Österreich bei den reichsten 10 % des Landes ablesen. Innerhalb dieser Gruppe trägt der Anteil des allerreichsten Prozents erheblich zum vermögenden Charakter dieser 10 % in Relation zu den restlichen 90 % der ÖsterreicherInnen bei. Außerdem steigt der Besitz des einen Top-Prozent innerhalb der 10%-Gruppe indirekt proportional, wenn die Daten neu berechnet werden.

Mit einfachen Worten: die Wissenschaftler wirkten den Unzulänglichkeiten der Erhebung nachträglich mit Hilfe der Mathematik entgegen. So kamen sie der realen Vermögenssituation ein ganzes Stück näher und konnten zeigen, dass die Konzentration bei Österreichs Eliten noch höher ist als gedacht.

Eine Gegenüberstellung der originalen HFSC-Daten mit den modifizierten Daten der JKU:

Grafik Vermögen_ohne Legende

Grafik Vermögen_LegendeQuellen: JKU Linz 2013, AK Wien 2013.
Illustration: Julia Schwaiger

Was macht die Korrektur so dramatisch?

Die Anwendung der Pareto-Verteilung bewirkt bei den reichsten 10 % des Landes der HFCS-Studie einen „Vermögens-Sprung“ nach oben. Sie besitzen nicht mehr „nur“ 636,861 Mrd. Euro, sondern 936,021 Mrd. Euro. Der Vermögensstand des reichsten 1 % der ÖsterreicherInnen wächst durch die Korrektur um 98,6 % von 236,958 Mrd. Euro auf 469,058 Mrd. Euro. Vom Anstieg des Gesamtvermögens der österreichischen Bevölkerung von rund 1000 Mrd. Euro auf rund 1249 Mrd. Euro entfällt damit der mit Abstand größte Zugewinn auf das reichste 1 %.

Problematik mit der Studie der Österreichischen Nationalbank

Die HFCS-Studie wird in der Regel von offiziellen Stellen und PolitikerInnen für die Darstellung der österreichischen Vermögenssituation herangezogen, womit Fragen von öffentlichem Interesse – wie etwa Vermögenskonzentration und -besteuerung einher gehen. Das ist ob der eingeschränkten Anwendbarkeit der Daten problematisch: es macht einen großen Unterschied wie der „obere Rand“ bewertet wird, nicht zuletzt bezüglich der steuerlichen Lukrierungs-Möglichkeiten für den Staat.

 

Politische Brisanz der Reichtumskonzentration

Der „European Wealth Report“ trifft eine Langzeitprognose, wonach die Vermögenskonzentration in europäischen Ländern konstant ansteige. Und Österreich ist vorne mit dabei. Ein Mitgrund ist hierzulande eine der niedrigsten Abgabenquoten auf Vermögen im OECD-Vergleich und die abgeschaffte Erbschafts- sowie Schenkungssteuer. Vor allem aber sind laut dem Report, der sich dabei an Erklärungen des französischen Ökonomen Thomas Pikettys orientiert, die Kapitalrenditen, die höher als das Wirtschaftswachstum sind, dafür verantwortlich.

Die österreichische Debatte um Vermögenssteuern 

Unsere europäischen Gesellschaften driften genau so auseinander wie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen innerhalb der Staaten. Um öffentlichen Druck zu erzeugen, reicht es allerdings nicht aus, über die ungleiche Verteilung zu monieren. Es muss eine offene Steuerdebatte losgetreten werden. Denn schließlich handelt es sich – wie uns die Grafiken gezeigt haben – nicht um vernachlässigbare Summen, die mit einer höheren Besteuerung von Vermögen erreicht würden. Die politischen Entscheidungen über die Besteuerung von Privatvermögen haben weitreichende Konsequenzen.

Eine scharfe Kritikerin des „besonders ungerecht verteilten“ österreichischen Vermögens ist seit jeher die Arbeiterkammer (AK). Bei der Präsentation des „Unabhängigen Jahreswirtschaftsberichts“ im Dezember 2014 plädiert AK-Experte Matthias Schnetzer für eine höhere Vermögensbesteuerung, um der Ungleichheit in Österreich entgegen zu wirken. Mehr Ungleichheit bedeute nicht zuletzt auch mehr Arbeitslosigkeit. Markus Marterbauer, Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Wiener AK, spricht sich im Jänner 2015 gegenüber der Stadtzeitung „Falter“ für eine Vermögenssteuer aus, die einer Lohnsteuersenkung gegenüber stehen müsse. Sein Argument ist, dass dadurch Leistung belohnt und das Gemeinwohl finanzierbar würde. Gleichzeitig würde gesellschaftliche Machtkonzentration abnehmen.

Das ideologische Pendant der AK-Vertreter ist Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV) Wien. Er positioniert sich an derselben Stelle im „Falter“ als entschiedener Gegner von Vermögenssteuern. Aus seiner Sicht bilden die Vermögenswerte einer Gesellschaft den für das Wohlstandsniveau wesentlichen „Kapitalstock“, der nicht aufgezehrt werden dürfe. Wie auch in der ÖVP ist seine Argumentationslinie jene, die ein Ausgabenproblem beim Staat sieht, das nicht durch einnahmenseitige Gegenfinanzierung geregelt werden könne.

Wie auch immer man zu Steuerfragen steht: ein erster wichtiger Schritt, um überhaupt eine fundierte politische Debatte darüber führen zu können, wäre, das Thema Reichtum aus seinem Versteck hervor zu holen und seine Bedeutung für die Gesamtgesellschaft offen zu legen.

Autorinnen: Julia Schwaiger & Franziska Lehner

Quellen
  • Andreasch, Michael/ Fessler, Pirmin/ Mooslechner, Peter/ Schürz, Martin (2012): Fakten zur Vermögensverteilung in Österreich: In: Bmask (Hg.): Sozialbericht 2012. Wien.
  • Bär, Julius (2014): European Wealth Report.
  • Eckerstorfer, Paul/ Halak, Johannes/ Kapeller, Jakob/ Schütz, Bernhard/ Springholz, Florian/ Wildauer, Rafael (2013): Vermögen in Österreich. Bericht zum Forschungsprojekt „Reichtum im Wandel“. Juli 2013. Johannes Kepler Universität Linz (JKU).
  • Andreasch, Fessler, Mooslechner, Schürz – Sozialbericht (2012): Fakten zur Vermögensverteilung in Österreich
  • Schürz, Martin (2013): Marginalien zu guten Vermögenden und bösen Reichen. In: Die Armutskonferenz (Hg.): Was allen gehört. Commons – Neue Perspektiven in der Armutsbekämpfung. S. 103-115.
  • Arbeiterkammer Wien (2013): Die Verteilung von Vermögen in Österreich. In: AK Infos. Wien. URL: http://wien.arbeiterkammer.at/service/studien/WirtschaftundPolitik/studien/Die_Verteilung_von_Vermoegen_in_Oesterreich.html [Zugriff: 2014-01-06]

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