Gewalttätige Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter

Humanitäre Helfer werden immer häufiger Ziele von gewalttätigen Angriffen. Mit Hilfe der Datenbank “Aid Worker Security Database” der Organisation Humanitarian Outcomes untersuchen wir Trends und Veränderungen und möchten deren Ursachen verstehen.

Die Datenbank wird ermöglicht durch finanzielle Unterstützung des kanadischen Ministeriums für Außenpolitik und Internationalen Handel, dem amerikanischen Büro für ausländische Katastrophenunterstützung und durch die irische Regierung.

Zum Thema „Gewalt gegen humanitäre Mitarbeiter“ hat der UN Sicherheitsrat im August 2014 eine Resolution beschlossen.

01 Angriffsvorfälle

Im Jahr 2003 wurden in der Datenbank aidworkersecurity.org weltweit 63 Zwischenfälle registriert, bei denen 143 humanitäre Helfer entführt, verletzt oder sogar getötet wurden. Bis 2013  stiegen diese Zahlen auf 264 Zwischenfälle mit 474 Opfern.

GRAFIK I: Anzahl der gewalttätigen Angriffe

Die Anzahl der gewalttätigen Angriffe zeigt im langfristigen Trend eindeutige Steigerungen. Quellenkritisch muss jedoch beachtet werden, dass die Aufmerksamkeit für solche Angriffe im Vergleichzeitraum gestiegen ist. Die erhöhte Aufmerksamkeit wiederum geht einher mit höhere Berichterstattung. Neben der gestiegen Anzahl der Vorfälle ist auch die Zahl der Opfer gewalttätiger Angriffe gestiegen.

GRAFIK II: Opfer von Gewalt Zeitverlauf absolute Zahlen 2009 bis 2013

Problem: Gesamtanzahl humanitärer Mitarbeiter Es gibt  Angaben zur Entwicklung der absoluten Anzahl humanitärer Mitarbeitern. Leider war nicht möglich die absoluten Zahlen aller globalen humanitären Mitarbeiter für das Jahr 2013 zu ermitteln.

In 2008, the total number of aid workers in the field (including both relief and development workers) was roughly 595,000. On average, the humanitarian fieldworker population has increased by approximately 6% per year over the past 10 years (Stoddard et al 2009) source:https://www.ifrc.org/docs/IDRL/The%20state%20of%20the%20humanitarian%20system,%20assessing%20performance%20and%20progress.pdf

Zusätzlich wäre es nötig, die Anzahl der humanitären Mitarbeiter pro Land zu erheben um die Anzahl der Vorfälle bzw. der Opfer,zu sehen.

02 Länder, in denen es 2013 vermehrt zu Angriffen kam

Gewalttätige Attacken konzentrieren sich geographisch auf den Mittleren Osten, Nordafrika, Afghanistan, Pakistan und Südsudan. Die meisten Angriffe finden vor allem in fünf Ländern statt. Syrien, Südsudan, Sudan, Afghanistan und Pakistan umfassen ¾ aller Angriffe. Die hohen Werte liegen vor allem an der Zunahme der Konflikte in Syrien und im Südsudan. Afghanistan hat die höchste absolute Zahl an Angriffen mit 81 dokumentierten Vorfällen. Im Vergleich dazu gab es  44 Angriffe in Syrien, 35 Vorfälle im afrikanischen Südsudan,17 in Pakistan und 16 in Sudan.

GRAFIK III: Weltkarte eingefärbt nach Häufigkeit, Vorfälle 2013 

Kritik an der Darstellung: Sudan und Südsudan sind hier noch ein Land trotz Unabhängigkeit im Jahr 2011. Mailkontakt mit Programmierer. Seine Antwort:”You’re right about the lack of South Sudan, I haven’t updated the borders since it became independent. I don’t have a quick fix for you unfortunately, the best you could do with OpenHeatMap is switch to displaying bubbles rather than country borders”

03 Angriffsorte

GRAFIK IV: Orte des Angriffs

2013 vermehrt Angriffe auf offener Straße

Jedes Jahr nehmen die Opfer zu, die bei Transporten bzw. während des Transits auf offener Straße attaktiert werden. 2013 fanden über die Hälfte aller Angriffe in diesem Zusammenhang statt. Die UN-Resolution fordert die Staatengemeinschaft auf, für sichere Transportwege für humanitäre Mitarbeiter zu sorgen. Da lokale Mitarbeiter sich vor Ort besser auskennen, werden Transporte durch lokale Angestellte durchgeführt. Diese sind lokale Mitarbeiter durch Transportfahrten stärker gefährdet für gewalttäige Angriffe. Keine klaren Antworten liefert die Forschung auf die Frage, ob die Angriffe auf humanitäre Mitarbeiter nicht zu verhindernde Zwischenfälle sind, weil diese zwischen die Fronten geraten oder zu welchem Ausmaß es sich um dezidiert(gezielte) Angriffe handelt.

„In Afghanistan [Anm.z.B.] verwendet das Rote Kreuz das Schutzzeichen des Roten Kreuzes nicht mehr, weil die terroristische Netzwerke dieses Kreuz als ein westliches Symbol sehen. Das hat dazu geführt, dass es geradezu zum Angriffsziel wurde.“ (Quelle: http://www.dw.de/humanit%C3%A4re-hilfe-im-fadenkreuz/a-17861367)

04 Angriffsopfer

GRAFIK V: ORGANISATIONEN

Einheimische besonders betroffen Die Statistiken zeigen, dass es vor allem die lokalen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen sind, die Opfer gewalttätiger Angriffe werden. Verschiedene divergierende Erklärungsansätze

Begründung 1: Sie sind meist in Führungspositionen. Folglich gibt es in den Projektländern weniger „Internationals“ als „Locals“ im Dienste der Hilfsorganisationen. Die stärkeren Schutzmaßnahmen für Unterkünfte und Büros, in denen „Internationals“ wohnen und arbeiten, sowie die ständige Wachsamkeit führen zur Entfremdung.

Begründung 2: „Die lokalen Mitarbeiter gehen abends nach Hause zu ihren Familien. Die internationalen Helfer bleiben aber in den Anlagen und verbringen viel mehr Zeit unter sich. In einigen Fällen führt das zur Entfremdung von internationalen Helfern, lokalen Kräften und der Bevölkerung vor Ort.“

Quelle: http://www.dw.de/humanit%C3%A4re-hilfe-im-fadenkreuz/a-17861367

Begründung 3: UN lagert humanitäre Hilfe an lokale Projektpartner aus. “Implementierung” aus Kostengründen, deswegen auch höhere Angriffszahlen auf Einheimische (Information vom Geschäftsführer Ärzte ohne Grenzen, Österreich).

05 Methoden des Angriffs

GRAFIK VI: Methoden des Angriffs

Bei der Angriffsmethode lässt sich keine signifikante Methode erkennen. Ein Blick auf die Grafik suggeriert einen Anstieg bei allen Methoden. Auch hier gilt es wieder zu hinterfragen, ob diese Zahlen und damit die vermeintlichen Steigerungen nicht durch eine erhöhte Aufmerksamkeit und damit eine erhöhte Berichterstattung bedingt werden.

Die erhöhten Zahlen bei „kidnappings“ zeigen, dass diese Methode zu einer Geschäft genutzt wird. „Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ finanzieren sich von dem Geld, das sie durch Entführungen erpressen. Die meisten Staaten zahlen, einige nicht. Beide Haltungen haben jedoch das „Kidnapping-Business“ nicht gestoppt. „(Kölner Stadt Anzeiger, 24.08.2014)

Quellenkritik

Bessere Dokumentation

Die Konfliktforscherin (USAID) Larissa Fast sieht als wesentlichen Grund für die gestiegenen Zahlen sei eine veränderte Berichterstattung. „In den späten 1990er Jahren haben wir das nicht so verfolgt wie heute“, argumentiert Fast.

Datenerhebung

Die Daten der Vorfälle in der Datenbank  stammen aus öffentlichen Quellen, die mittels gezielter Mediaanalyse erhoben wurden und wurden direkt von Hilfsorganisationen und Hilfseinheiten zur Verfügung gestellt.

Begriffdefinition

“Aid workers” werden als Angestellte Personen von non-profit Hilfsagennturen (national und international) bezeichnet, die Material und technische Hilfe im humanitären Kontext liefern. NGOs, the International Movement of the Red Cross/Red Crescent, donor agencies and the UN agencies belonging to the Inter-Agency Standing Committee on Humanitarian Affairs (FAO, OCHA, UNDP, UNFPA, UNHCR, UNICEF, WFP and WHO) plus IOM and UNRWA. The aid worker definition includes various locally contracted staff (e.g., drivers, security guards, etc.), and does not include UN peacekeeping personnel, human rights workers, election monitors or purely political, religious, or advocacy organizations.

(Quellen: Aid Worker Security Database, http://www.princeton.edu/~pcglobal/conferences/aid2013/papers/Narang_AidWorkerAttack_Princeton.pdf und http://www.iar-gwu.org/node/63)

Autoren auf Twitter folgen: Sandra Barthel & Claudia Tschabuschnig