Wie barrierefrei ist Wien?

Am Heimweg noch kurz etwas aus dem Geschäft holen oder sich auf einen schnellen Café in ein Lokal setzen. Für den Großteil von uns ist das eine Selbstverständlichkeit. Für die über 1 Millionen Menschen in Österreich, die mit einer Behinderung leben, können diese Alltäglichkeiten aber eine umfassende Vorausplanung voraussetzen oder unter Umständen aufgrund von Barrieren überhaupt nicht möglich sein.

Seit 01. Januar 2016 müssen gemäß Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz alle Geschäfte und Gastronomiebetriebe in Österreich barrierefrei zugänglich sein. So zumindest die Theorie. Das Gesetz soll die Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderungen im öffentlichen Leben verhindern. In Wien alleine gibt es laut Wirtschaftskammer beispielsweise über 6000 Restaurants und Kaffeehäuser. Sie alle wären per Gesetz verpflichtet, ihre Räumlichkeiten barrierefrei zugänglich zu machen. Doch wie barrierefrei sind Gastronomie und Einzelhandel in Wien tatsächlich?

1.Menschen mit Behinderungen in Österreich

1,34 Millionen Menschen in Österreich, also 18,4% der Bevölkerung, leben mit einer dauerhaften Beeinträchtigung. Das geht aus den Mikrozensus-Zusatzfragen der Statistik Austria aus dem 4.Quartal 2015 hervor. Der Mikrozensus erhebt diese Daten nicht jährlich, die Ergebnisse aus 2015 sind daher die aktuellsten Informationen zur Anzahl von Menschen mit Beeinträchtigungen in Österreich. Die Datenlage zu Menschen mit Beeinträchtigungen ist in Österreich generell nicht sehr umfangreich.

Vor den vorliegenden Daten aus 2015 fand die letzte Erhebung der Daten im Zuge der Mikrozensus-Zusatzfragen im Jahr 2007 statt. So kann beispielsweise derzeit keine Aussage getroffen werden, wie und ob sich die Covid-19 Pandemie auf die Daten ausgewirkt hat. 

Die am häufigsten angegebene dauerhafte Beeinträchtigung sind Probleme bei der Beweglichkeit. An zweiter Stelle folgen psychische Beeinträchtigungen, gefolgt von Seh- und Hörbehinderungen und geistigen Problemen beziehungsweise Lernschwächen. Interessant ist, dass Frauen sowohl von Beeinträchtigungen bei der Beweglichkeit als auch von psychischen Problemen stärker betroffen sind als Männer. 

Es verwundert nicht, dass die Datenlage zur Barrierefreiheit in Österreich ähnlich schlecht gestellt ist. Möchte man erfahren, wie barrierefrei die Wiener Innenstadt, ihre Gastronomie und ihr Einzelhandel ist, stellt man fest, dass es keine zentrale Stelle gibt, die diese Daten erhebt. Das dürfte auch den Interessenvertretungen aufgefallen sein, der ÖZIV Bundesverband für Menschen mit Behinderungen erhebt daher seit 2016 die Barrierefreiheit in den Wiener Einkaufsstraßen. 

2.Barriefreiheit in Wien, gemessen an den Einkaufsstraßen

2014, 2016, 2018 und 2020 wurden Erhebungen zur Barrierefreiheit der Wiener Einkaufsstraßen vom ÖZIV durchgeführt, bei der die Anzahl der Stufen vor den Geschäftslokalen im Mittelpunkt standen. Da wie erwähnt laut dem Bundesgesetz über die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen (BGStG) Diskriminierungen durch Barrieren seit 2016 verboten sind, sollten Geschäftslokale einen stufenlosen Eingang haben. 

Leider hat sich die Barrierefreiheit seit in Kraft treten des Gesetzes nicht wirklich gebessert. 2014 waren 41,3% Geschäftslokale der untersuchten Einkaufsstraßen stufenlos zugänglich. Im Jahr 2016 zeigte sich mit 44,5% eine Verbesserung, die jedoch nicht anhielt, denn 2020 waren wiederum nur 41,7% der Geschäftslokale stufenlos. Während die Anzahl der Lokale mit einer Stufe mit 41,7% im Jahr 2020 leicht gesunken ist, ist jene mit zwei, drei oder mehr als drei Stufen am Eingang seit 2014 sogar leicht gestiegen.

Im Zuge der Studie im Jahr 2020 wurden 2326 Geschäfte in 13 Einkaufsstraßen untersucht. In diesem Jahr kamen drei Einkaufsstraßen hinzu, die bis dato nicht Teil der Untersuchung waren. Die Ergebnisse zeigen, dass vor allem die kleineren Einkaufsstraßen, bei der Barrierefreiheit schlecht abschneiden. Während auf den großen, bekannten Straßen wie Mariahilfer Straße oder Kärntnerstraße deutlich über die Hälfte der Geschäfte über einen stufenlosen Eingang verfügen, sind es auf der Thalia Straße oder der Josefstädterstraße weniger als ein Viertel. Speziell die Josefstädterstraße stagniert in Sachen Barrierefreiheit seit der Ersterhebung 2016 beinahe komplett. Damals waren 23% der Geschäfte ohne Stufe, 2020 waren es 24,2%. Die Geschäfte in der Thaliastraße wurden 2020 erstmalig untersucht, die zeitliche Entwicklung kann hier also nicht beurteilt werden. Dennoch schneidet die Thaliastraße bei der Erhebung 2020 am schlechtesten von allen Straßen ab, mit nur 24% stufenlosen Eingängen.

Die Wiener Einkaufsstraße mit der höchsten Barrierefreiheit ist laut der Erhebung die Mariahilfer Straße, in der im Jahr 2020 67,5% der Geschäftslokale stufenlos zugänglich waren. Während es 2014 nur 64% waren, konnte man 2018 schon 71,5% ohne Stufe betreten. Der Abstieg auf 67,5% im Jahr 2020 könnte auf Umbauarbeiten in der Einkaufsstraße zurückzuführen sein, da einige Gebäude dadurch nicht erfasst werden konnten. Fast ein Drittel der Geschäftslokale hatten 2020 vor dem Eingang eine Stufe, 2,4% zwei Stufen und nur 0,7% aller erfassten Gebäude waren nur über 3 oder mehr Stufen zugänglich. 

Es wird deutlich, dass der Großteil der Lokale in der Mariahilfer Straße mit Stufen nur eine Stufe aufweist. Bei einer Stufe sollte es also nicht allzu schwer sein durch den Einbau einer Rampe Menschen mit Behinderungen einen stufenlosen Eingang zu gewähren. Doch so einfach ist es leider nicht. Verschiedene bauliche Vorschriften in Österreich erschweren Gastronom:innen und Unternehmer:innen den Umbau oder widersprechen dem Behindertengleichstellungsgesetz sogar teilweise. So kann beispielsweise eine Rampe vor einem Geschäft nur dann gebaut werden, wenn anschließend der Gehsteig trotz Rampe noch mindestens 2 Meter breit ist. Oder, wenn ein Lokal lediglich im Bezug auf Barrierefreiheit umgebaut werden soll, muss der gesamte Betrieb auf die aktuellen technischen Standards gebracht werden, was häufig mit höheren Kosten verbunden ist.

Ebenso heißt ein stufenloser Zugang zu Geschäftslokalen nicht gleich, dass diese vollkommen barrierefrei sind, wodurch die Einkaufsstraßen-Studie des ÖZIV im Jahr 2020 um eine Online-Umfrage erweitert wurde. Somit sollen alle Menschen mit Behinderungen, auch solche mit chronischen und psychischen Erkrankungen, und ihre Einschätzung zur Barrierefreiheit der Wiener Einkaufsstraßen erfasst werden.

 

Wenn man nun die Erhebung der Einkaufsstraßen mit der Online-Umfrage vergleicht, merkt man, dass die Ergebnisse einigermaßen übereinstimmen. So wurden die Studienteilnehmer unter anderem gefragt, ob die Mariahilfer Straße für sie barrierefrei ist. Zwar stimmten nur 22% der Befragten der Frage vollständig zu, fast die Hälfte der Studienteilnehmer*innen stimmte aber zumindest teilweise zu. Über zwei Drittel sind also der Meinung, dass die Mariahilfer Straße für sie eher barrierefrei ist. Somit denken nur etwa 20% der Teilnehmenden, dass diese Einkaufsstraße für sie kaum oder gar nicht barrierefrei ist. Ein Anteil von über 10% kann die Barrierefreiheit der Geschäftslokale auf der Mariahilfer Straße gar nicht einschätzen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Barrierefreiheit scheinbar aufgrund seiner umfangreichen Definition sehr schwer zu messen ist und in Österreich vor allem in qualitativen Studien erforscht wird. Somit ist die Datenlange zu dieser Thematik ebenso nicht besonders umfangreich. Im Großen und Ganzen scheint es jedoch, ausgehend von der bestehenden Datenlage, bezüglich der gesetzlich vorgeschriebenen Barrierefreiheit im öffentlichen Raum noch großen Aufholbedarf zu geben.