Nachlese Datenjournalismus Kurs an der FH Wien im Wintersemester 2020/21

Zum Ende des Wintersemesters 2020/21 ein kleiner Rückblick auf meinen Kurs “Datenjournalismus” an der FH Wien, zwei besondere Aspekte möchte ich hervorheben:

1) Datenjournalismus und die Corona Krise

Das zentrale Thema gerade auch aus datenjournalistischer Sicht war natürlich die Corona-Krise, die uns in vielen Aspekten beschäftigte:

  • viele bemerkenswerte Visualisierungen
  • der Omnipräsenz von Zahlen
  • der heiligen Gral der Vorhersage der Entwicklung des Infektionsgeschehens
  • der globale Crashkurs im Verständnis von exponentiellem Wachstum
  • die Probleme mit der Verfügbarkeit von verlässlichen und vergleichbaren Daten (besonders in AT)
  • der Zweifel an der Glaubwürdigkeit von datenbasierten Fakten (“everything can become polarized”)

2) Herausragende Arbeiten von Studierenden

 

“Der ist schwul und will es nur nicht zugeben”

Warum outen sich so wenige als bisexuell?

Illustration von zwei Personen, die einen Vorhang in regenbogenfarben öffnen
©Hannah Horsten

In den letzten Jahren hat sich merkbar einiges getan in Sachen Offenheit gegenüber der LGBTQ+ Community (Lesbian, Gay, Bisexuall, Transgender, Queer). Wenn im Juni der sogenannte “Pride Month” erneut anbricht, werden wieder Colaflaschen und Straßenbahnen mit Regenbogenflaggen geschmückt und in den sozialen Netzwerken viel gute und wichtige Aufklärungsarbeit geleistet. Aber so “trendy” wie es hierdurch oftmals wirkt ist die Thematik gar nicht. Immer noch geben die meisten Personen, die nicht heterosexuell sind, an, nicht offen dazu zu stehen. Insbesondere bisexuelle Menschen scheinen mehrheitlich ungeoutet zu sein.

Coming out of the closet

Dieser Terminus beschreibt im Englischen, was im Deutschen meist schlicht unter “Coming-out” bekannt ist. Hiermit ist jener Schritt gemeint, den LGBTQ+ Personen in einer heteronormativen Gesellschaft, also einer Gesellschaft, welche Heterosexualität als Norm darstellt, gehen müssen, damit das Umfeld oder die Öffentlichkeit über die sexuelle Orientierung beziehungsweise die Geschlechtsidentität bescheid weiß. Da unsere Gesellschaft – wie bereits erwähnt – heteronormativ ist, gehen die meisten Personen, die man kennelernt, vorerst von einer heterosexuellen Orientierung aus. Es ist also durchaus ein Privileg, sich als heterosexuelle Person nicht immer wieder aufs neue positionieren oder erklären zu müssen.

Der Schritt des Coming-outs ist für viele Personen nicht leicht – ebenso bleibt es im Laufe eines Lebens selbstverständlich nicht bei einem einzigen Coming-out. Man kann beispielweise im Freundeskreis geoutet sein, vor den Eltern jedoch nicht. Oder in der Verwandtschaft schon, aber nicht bei der Arbeit. Da sich der Begriff also ein wenig schwammig darstellt, wurden bei dem FRA LGBTI Survey – eine Befragung von der Agentur der europäischen Union für Grundrechte, Personen zu ihrer allgemeinen Offenheit mit ihrer sexuellen Orientierung befragt. Im Folgenden können nun die Schränke (closets) geöffnet werden, um den Anteil der LGB Personen zu sehen, der sagt sie gehen “sehr offen mit ihrer sexuellen Orientierung” um. Lesbisch, Schwul oder Bisexuell sind neben Heterosexuell jedoch nicht die einzigen, weiteren Orientierungen. Es gibt auch Menschen die sich als Pansexuell (sexuell und emotional hingezogen zu Menschen jeder Geschlechtsidentiät) oder Asexuell (kein oder kaum sexuelles Interesse) identifizieren. Diese Personengruppen wurden jedoch in dem vorliegenden Datensatz nicht befragt.

Im folgenden sind die Ergebnisse für Österreich abgebildet.
Durch wischen auf die Schranktür und wieder heraus wird sichtbar, wie offen mit der eigenen sexuellen Orientierung umgegangen wird. Mit dem Smartphone online? -> Tippe auf die obere Ecke.

50% der sich als lesbisch identifizierenden Frauen in Österreich sagen sie gehen sehr offen damit um. Das ist im EU-Schnitt sehr hoch. Höher ist dieser Anteil nur in den Niederlanden (59%), in Schweden (64%) und in Dänemark (69%).

37% der schwulen Österreicher stimmen der Aussage zu, dass sie mit ihrer sexuellen Orientierung sehr offen umgehen. Das ist immerhin über dem EU-Durchschnitt, welcher bei 34% liegt.

Lediglich 16% der bisexuellen Männer in Österreich gaben an, damit sehr offen umzugehen. Das mag wenig klingen, es sind jedoch im EU-Schnitt sehr viele. Vor Österreich sind nur noch Belgien und Dänemark mit jeweils 17%.

Bisexuelle Frauen gehen in Österreich sogar noch seltener offen mit ihrer sexuellen Orientierung um als bisexuelle Männer. Hierbei liegt Österreich jedoch nur knapp über dem EU-Schnitt. Tendenziell gehen Frauen in Europa offener hiermit um als Männer. Während bei Männern über die Hälfte nie darüber spricht, ist es bei den Frauen in etwa ein Drittel.

Auffällig hierbei ist der große Unterschied. Während die Hälfte aller lesbischen Frauen in Österreich offen dazu steht, Mitglied der LGBTQ+ Community zu sein, ist es bei den bisexuellen Frauen knapp ein Siebtel. Auch im EU Vergleich sind bisexuelle Menschen bei weitem nicht so offen bei der Thematik wie homosexuelle.




Woher kommen diese Unterschiede?

Insbesondere bisexuelle Männer sind laut diesen Umfragewerten sehr zurückhaltend was ihre Sexualität betrifft. In Osteuropa sind es in keinem Land mehr als 3%. Ein Grund hierfür könnte die politische Lage sein. In Polen beispielweise gibt es seit dem Jahr 2019 sogenannte “LGBT-ideologiefreie Zonen”. Auch wenn es sich bei Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transpersonen nicht um Ideologien handelt und diese Zonen juristisch keine Folgen haben sind sie durchaus ein deutliches Signal zur Ausgrenzung von Personen aus der Community. Trotz der feindlichen Haltung der Regierung gegenüber LGBT Personen, sind die Zahlen der Schwulen und Lesben, die in Polen offen zu ihrer Sexualität stehen (9% und 11%) deutlich höher als die der bisexuellen Frauen und Männer (2% und 1%). Woher könnte das kommen?
Ein möglicher Grund könnte sein, dass bisexuelle Personen nicht gleichermaßen auf ein Outing angewiesen sind wie homosexuelle Personen. Während Lesben und Schwule sich gewissermaßen outen müssen, um sexuelle Bedürfnisse frei ausleben zu können, können Bisexuelle dies auch (oder zumindest teilweise) ohne Outing – gewissermaßen unter dem Deckmantel der Heteronormativität.

Auch ohne Angst vor politischer Feindseeligkeit ist, wie im ersten Absatz beschrieben, ein Outing meist ein unangenehmer Schritt. Man entblöst sich, von der, durch die Gesellschaft festgelegte, Norm abzuweichen. Auch in scheinbar politisch offeneren Ländern ist dies ein Schritt der immer mit einem Kampf mit Vorurteilen zusammenhängt. Wenn man in einer gegengeschlechtlichen Beziehung ist, wird eventuell auch von dem Umfeld der Kontext des Outings nicht ganz verstanden.

60% der in Österreich lebenden, bisexuellen Männer sprechen im Gegensatz nie offen über ihre Bisexualität und werden somit vermutlich, fälschlicherweise, vom großteil ihres Umfelds als heterosexuell wahrgenommen.

 

“Weil du nicht homo oder hetero wirst, sondern bi bleibst.”

Zwei Interviews

Den besten Einblick in die Lebensrealitäten von bisexuellen Personen bekommt man natürlich von ihnen selbst. Melissa (24) und Hanna (22) haben im Folgenden einige Fragen zum Thema Outing beantwortet. Die Antworten überschneiden sich teilweise sehr stark – was an dem ähnlichen Alter und den ähnlichen Lebensumständen liegen mag – eventuell zeigt es jedoch auch eine ähnliche Wahrnehmung der Gesellschaft auf.

Hast du das Gefühl, dass ein Outing als nicht heterosexuell in unserer Gesellschaft notwendig ist?

Melissa: Ich denke schon, dass man sich in unserer Gesellschaft noch outen muss. Leider. Wir haben zwar vielleicht das Gefühl, dass ein Outing nicht mehr notwendig ist – weil wir jedes Jahr hunderte Regenbogen-Fahnen in Schaufenstern und der Werbung sehen, weil wir auf die Pride-Parade gehen, weil die Popkultur so divers wie noch nie ist (mit Figuren wie Janelle Monae, Kehlani, Miley Cyrus, Frank Ocean und und und) und wir auf Netflix und Amazon Prime immer mehr Serien oder Filme mit dem Label ‚LGBTIQ‘ sehen. Und diese Veränderung ist extrem wichtig, weil es dadurch mehr Sichtbarkeit für uns gibt. Aber das heißt nicht, dass wir nicht weiterhin in einer heteronormativIllustration von Hannaen Gesellschaft leben, wo die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau das ‚Normale‘ ist und alles andere eine ‚Abweichung‘ der Norm ist.

Hanna: Ich finde, dass es eine sehr individuelle Frage ist, ob jemand für sich überhaupt ein Outing braucht – die nicht pauschal beantwortet werden kann. Das “Outing” ist ein zweischneidiges Schwert, da Sichtbarkeit und Repräsentation zwar wichtig sind, andererseits jedoch ein starkes Hervorheben der nicht-heterosexuellen Identität, die ‘Andersheit’ wieder stark unterstreicht. Folglich ist ein Outing in unserer Gesellschaft eine Positionierung zum ‘Anderssein’.

Was verstehst du überhaupt unter dem Begriff Outing?

Melissa: Sich outen zu müssen heißt für mich sich brandmarken zu müssen – für die Person, die man ist. Zu sagen: Hey, ich bin anders als ihr, weil ich anders liebe.  Ganz ohne Outing kommt man aber nicht aus, weil man sonst weiterhin mit simplen Fragen wie ‚Hast du einen Freund?‘ getriggert wird. Man muss sich also als ‚anders‘ deklarieren, damit man nicht mehr in die Hetero-Kategorie gesteckt wird. Und in dem Moment, wo ich sage, „ich bin anders“, in dem Moment oute ich mich.

Hanna: Für mich persönlich ist Outing ein Informieren und ein zu seiner eigenen Sexualität oder Genderidentität stehen.

Hast du persönlich das Gefühl, dass es bisexuellen Personen bei einem Outing schwerer gemacht wird? Oder leichter?

Melissa: Es ist auf gewisse Art und Weise leichter und schwieriger gleichzeitig, weil man als bisexuelle Person ganz anders wahrgenommen wird.
 Leichter ist es, weil man als bisexuelle Person noch mit einem Fuß in der Hetero-Gesellschaft steckt und ja nur „halb anders“ ist, sozusagen. Genau das macht es aber auch schwerer, weil man in seiner Sexualität oft nicht ernst genommen wird. Bei bisexuellen Männern heißt es oft: „Der ist schwul und will es nur nicht zugeben“, Frauen bekommen oft zu hören: „Das ist eine Phase, die geht wieder vorbei.“ Dass Bisexualität aber eine legitime Orientierung ist, genauso legitim wie Hetero oder Homo, verstehen viele immer noch nicht.

Hanna: Ich habe das Gefühl, dass man etwas weniger ernst genommen wird, als eine homosexuelle Person, die sich outet, da es oft als eine Art der „Transition“ zum Lesbisch- oder Schwulsein gesehen wird. Auch von Seiten der LGBTQ+ Community wird man des Öfteren nicht ganz akzeptiert, da es so wirkt, als ob man sich „nicht zwischen zwei Seiten entscheiden“ könne oder „eine Phase“ durchlaufe. Auch wird man als bisexuelle Frau vor allem von heterosexuellen Männern öfters fetischisiert, mit Einladungen oder Erwartungen auf einen Dreier.

Welche Personen in deinem Umfeld wissen von deiner Bisexualität? Ist es dir wichtig, dass sie das Wissen?

Melissa: Ich habe seit drei Jahren eine Partnerin, was jeder weiß, der mich etwas besser kennt. Das heißt Leute in meinem engeren Umfeld wissen, dass ich bi bin.
 Davor wusste das aber niemand, weil ich es nicht ausgesprochen habe. Das ist so ein Ding mit Bisexualität: Solange du Personen datest oder eine*n Partner*in hast, die nicht dasselbe Geschlecht haben wie du selbst, würde niemand denken, dass du bi bist. Du wirst als hetero gelesen. Sobald du eine*n Partner*in hast oder jemanden datest, der oder die dasselbe Geschlecht hat wie du, wirst du als homo gelesen.
Das macht es kompliziert, weil du nicht homo oder hetero wirst, sondern bi bleibst.  Ich glaube mir ist es weniger wichtig, dass die Leute wissen, dass ich bi bin, als dass sie mich einfach so respektieren wie ich bin. Und das geht schneller und ist leichter, wenn ich sag ‚ich bin bi‘, als wenn ich sag ‚Ich finde Menschen attraktiv, weil sie eine gewisse Ausstrahlung haben – und nicht, weil sie ein gewisses Geschlecht haben‘. Bi ist eben ein Code-Wort, wo jeder weiß, wo du stehst. Das Label an sich bzw. die Tatsache, dass man sich überhaupt labeln muss – naja, das hilft den Menschen eben dich zu kategorisieren. Anders wäre es denke ich, wenn ich einen Partner hätte. Dann würde es mich wahrscheinlich verletzen, wenn mich Menschen plötzlich als hetero lesen würden und es wäre mir wichtiger, dass Menschen wissen, ich bin bi.

Hanna: Es wissen zum Großteil meine Uni-Kolleg*innen, meine Schwester und mein Partner. Es ist mir schon wichtig, dass sie es wissen, da es doch ein Teil meines Lebens und meiner Persönlichkeit ist.

Gibt es Personen, denen du bewusst nicht von deiner Bisexualität erzählst? Warum?

Melissa: Ja, einem Großteil meiner Familie, weil ich weiß, wie sie reagieren würden (Surprise, nicht so gut). Das ist aber nicht so schlimm für mich, weil sich der Kontakt in Grenzen hält und ich es daher nicht für unbedingt notwendig halte. Da geht’s mir vor allem um Selbstschutz.

Hanna: Meine Verwandtschaft weiß es nicht, weil ich weiß, dass ich da bei manchen auf Unverständnis stoßen würde. Außerdem ist es mir bei meiner Verwandtschaft nicht so wichtig, dass sie davon wissen wie bei Freund*innen, mit denen ich ein engeres Verhältnis habe.

Hast du bereits negative Reaktionen erhalten, nachdem du Personen von deiner Bisexualität erzählt hast? Wenn ja – inwiefern?

Melissa: Ja, von meiner Mutter. Ich glaube allerdings, dass das viel mehr eine Reaktion auf die Tatsache war, dass ich eine Partnerin hatte, als darauf, dass ich bisexuell bin. Da ist wieder dieses Ding: Bisexualität an sich kann man verstecken, sie wird erst sichtbar, wenn man Menschen des gleichen Geschlechts datet. Und solange sie nicht ‚sichtbar‘ wird (also die ‚abweichenden‘, Homo-Tendenzen sichtbar werden), wird sie oft und gerne ignoriert oder leichter akzeptiert. Ich hatte kein einfaches Outing, weil es für meine Mutter anfangs sehr schwierig war und völlige Unverständnis und Panik geherrscht hat. Das hat sich nach einer Zeit und viel Schmerz aber beruhigt, weil sie sich auch damit auseinandergesetzt hat, woher diese Unverständnis in ihr kommt. Ich bin ihr deswegen auch nicht böse – obwohl es sehr schwer für mich war – weil ich eben auch weiß, wie schwer es für sie war.
Ansonsten hatte ich keine schlechten Erfahrungen.

Hanna: In meinem näheren Umfeld zum Glück nicht, nur bei manchen unbekannten, oben genannten, heterosexuellen Männern. Da kamen besagte Bemerkungen oder Blicke, wo ich mir wünschen würde, dass man sich informiert oder zumindest nachfragt. Außerdem kam es schon vor, dass meine Bisexualität in Frage gestellt wurde, da ich bisher nur männliche Partner hatte.

 

Conclusio

Wie können wir alle, als Teil der Gesellschaft, also bisexuellen Personen eine Plattform für mehr Offenheit bieten? In erster Linie in dem jede*r sich über den Umstand der Heteronormativität bewusst wird. Fragen wie “Hast du einen Freund?” an Frauen oder im Gegenzug “Hast du eine Freundin?” bei Männern projizieren automatisch ein eigene kreiertes, heterosexuelles Bild auf das Gegenüber, das eventuell mit der Realität nicht übereinstimmt. Außerdem sollte Menschen, die zu ihrer Bisexualität stehen, diese nicht abgesprochen werden oder als “Phase” abgestempelt werden. Selbst wenn es eine Phase sein sollte kann alleine die Person selbst das für sich feststellen und nicht das Umfeld. Denn die Bisexualität hört ja nicht auf, bloß weil jemand in einer heterosexuellen Beziehung ist.

 

Text und Illustrationen: Hannah Horsten – Daten: FRA LGBTI Survey

Der Oberkörper einer Person in Ärztekittel. In der Hand hält sie ein Stethoskop

Erwartet Österreich ein Ärzt*innenmangel?

Dass Österreich in Zukunft stark Pflegepersonal aufstocken muss, damit es zu keinen Engpässen kommt, ist eindeutig. Aber wie sieht es eigentlich mit den Ärzt*innen hierzulande aus? Im OECD-Vergleich scheint Österreich ein Musterbeispiel zu sein: im Schnitt kommen 5,3 aktive Ärzt*innen auf 1000 Einwohner. Damit liegt Österreich auf Platz zwei hinter Griechenland (6,1) und weit über dem OECD-Schnitt von 3,5 Ärtz*innen. Wie passen diese Spitzenplätze mit den häufigen Warnungen, etwa der Ärztekammer, vor einem bevorstehenden Ärztemangel hierzulande zusammen?

Ein Hintergrund ist die nicht standartisierte Datenerfassung besagter OECD-Studie. Österreich zählt für sie auch Turnusärzt*innen, die sich gerade in Ausbildung befinden, dazu. Andere Staaten melden der OECD hingegen nur bereits fertig ausgebildete Ärzt*innen. Auch Teilzeit-Beschäftigungsverhältnisse, die in Österreich immer häufiger werden, wurden nicht berücksichtigt. Es wurde also nicht, wie es andere Länder zum Teil machen, in entsprechende Vollzeitäquivalente umgerechnet.

Werden nur fertig ausbebildete Ärzt*innen nach Vollzeitäquivalent erfasst, ergibt sich für Österreich eine Ärzt*innendichte von 3,56 pro 1.000 Einwohner, wie das deutsche Forschungsinsitut IGES-Institut errechnet hat. Das würde dem Mittelfeld der OECD-Länder entsprechen, wobei einige andere ebenfalls Daten divergierend einmelden.

Ein Verteilungsproblem?

Aber auch bei dieser Art der Erfassung zeichnet sich eine Herausforderung in Österreich ab: die Ärzt*innen sind innerhalb des Landes ungleich verteilt. Für junge Mediziner*innen ist die Arbeit am Land unattraktiv. Die Anzahl der Landärzt*innen sinkt. Diese Datenvisualisierung zeigt, die Verteilung der Ärzt*innendichte in Österreich:

Auffallend ist dabei die vergleichsweise höhrere Ärztedichte in Wien (6,84) und Tirol (5,87) sowie die geringere in Vorarlberg (4,31) und Oberösterreich (4,25). Wie lange die Wartezeiten und die Anreise für medizinische Versorgung ist und wie umfassend die (zeitlichen) Ressourcen pro Patient*in, wird laut Ärztekammer schon von diesen Unterschieden zwischen rund sieben und vier Ärzt*innen pro 1000 Einwöhner*innen deutlich beeinflusst.

Außerdem ist die Datenlage ansich auch hier erwähnenswert: die Ärzt*innendichte wird nämlich nur nach Bundesland und nicht etwa nach Gemeinde oder Region erfasst. Dadurch ist nicht erkennbar, ob etwa die Landeshauptstädte eine höhere Ärzt*innendichte haben und so den Schnitt für das Bundesland erhöhen. Rückschlüsse auf Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land können aus den Daten nicht getroffen werden. Der Trend zur Landflucht auch bei Ärzt*innen liegt nahe und wird immer wieder durch Warnungen von (Regional)politik, Ärztekammer, wie auch durch Medienberichte bestätigt. Eine genauere Datenerfassung wäre dennoch wünschenswert, um ihn ein für alle Mal zu belegen und vor allem eindeutiger besonders betroffene Regionen erkennen zu können.

Kassenverträge sind unattraktiver

Neben der geographischen Verteilung der Mediziner*innen in Österreich ist noch eine weitere relevant: das Verhältnis zwischen Kassenärzt*innen und Wahlärzt*innen. 2020 waren 157 Kassenstellen in Österreich unbesetzt. Das sind 28 mehr als 2019. Fehlende Allgemeinmediziner*innen haben dabei zwei Drittel (95) der freien Kassenverträge ausgemacht, der Rest Fachärzt*innen.

Patient*innen müssen also immer häufiger zu Wahlärzt*innen ausweichen. Zwar nimmt die Ärzt*innendichte seit 1960 beinahme konstant zu – 1960 kamen (ohne Berücksichtigung von Vollzeitäquivalenten und mit Turnusärzt*innen) noch rund 1,6 Ärzt*innen auf 1.000 Einwohner*innen, 2019 waren es bereits 5,3 – aber die Dichte der Kassenärzt*innen nimmt ab.

Das zeigt auch diese Grafik, die den Bevölkerungszuwachs und die Entwicklung der Allgemeinmediziner*innen mit Ordination, die einen Kassenvertrag haben, gegenüberstellt:

(Allgemeinmediziner*innen ist synonym für den umgangssprachlichen Begriff Hausärzt*innen zu verstehen.)

Auch wenn die absolute Anzahl der Mediziner*innen also in Österreich kontinierlich steigt, sinkt die der Allgemeinmediziner*innen mit Kassenvertrag. Auch für die gesamte Anzahl der Allgemeinmediziner*innen gilt das übrigens in den letzten zehn Jahren (Quelle: zweite Grafik). Und weil gleichzeitig die Bevölkerungsanzahl wächst, kommen letztendlich immer weniger niedergelassene Allgemeinmediziner*innen mit Kasse auf mehr Menschen. Ein Beispiel: In Wien ist die Einwohner*innenzahl seit 2010 um 200.000 gestiegen, gleichzeitig gab es 2019 71 Hausärzt*innen mit Kassenvertrag weniger.

Eine Zwei-Klassen-Medizin?

Kassenverträge sind weniger attraktiv – zumindest was die Arbeitsbedingungen und die Gehälter angeht. Sie bedeuten meist: weniger Zeit und Geld für mehr Patient*innen. Für eben jene bedeuten weniger Kassenärzt*innen im Umkehrschluss: eine Kostenverschiebung in den privaten Bereich, weil Kassen vielfach nur ein Bruchteil der Behandlungskosten rückerstatten. So bleibt nur die Wahl zwischen mehr Eigenkosten durch den Gang zum Wahlarzt bzw. der Wahlärztin und längeren Wartezeiten auf einen Termin. Viele haben diese Wahl aber nicht. Sie können sich den Wahlarztbesuch kaum oder nicht leisten. Eine Zwei-Klassen-Medizin entsteht.

Wer es sich leisten kann bekommt schneller eine Behandlung und besucht Wahlärzt*innen, die sich mehr Zeit für Beratung und Untersuchung nehmen können. Für den Rest ist Österreich zwar trotzdem immer noch ein Land, in der nötige medizinische Versorgung und Behandlung in guter Qualität (beinahe) kostenfrei sichergestellt ist. Aber eben immer öfter mit längeren Wartezeiten und weniger Zeit für eine – nicht zu unterschätzende – umfassende Aufklärungen von Patient*innen.

Die Anzahl der niedergelassenen Ärzt*innen ohne Kassenvertrag hat dabei in Österreich, die jener mit Kasse bereits 2007 überschritten:

Dieser Trend zum Wahlarzt bzw zur Wahlärztin muss allerdings teilweise relativiert werden: auch bei dieser Statistik wird die absolute Anzahl der Ärzt*innen ohne Berücksichtigung von Teilzeitbeschäftigungen erfasst. In Österreich arbeitet aber ein Drittel der Ärzt*innen Teilzeit.

Anteil der Fächärzt*innen ohne Kassenvertrag wächst deutlich

Gerade Wahl*ärztinnen machen einen großen Anteil der Teilzeitarbeitenden aus. Sie sind oft im Spital- und Rettungswesen beschäftigt und haben zusätzlich eine private Ordination, in der sie zusätzlich einige Stunden arbeiten. Das ist auch mit ein Grund, wieso der Anteil der Fachärzt*innen ohne Kassenvertrag am stärksten steigt:

Diese Grafik zeigt: Hintergrund des Zuwachses an niedergelassenen Ärzt*innen sind vor allem Fachärzt*innen, also etwa von Gynäkolog*innen, Neurolog*innen und Hautärzt*innen, die keinen Kassenvertrag haben. Diese Entwicklung ist aber zu stark, um sie nur auf mehr Mediziner*innen, die zusätzlich zum Job im Spital- und Rettungswesen Teilzeit arbeiten, zurückzuführen. In der Allgemeinmedizin gibt es weiterhin mehr Ärzt*innen mit Kasse, als ohne. Jene mit Kasse sind leicht zurückgegangen, jene ohne etwas mehr geworden. Und Fachärzt*innen mit Kassenvertrag sind praktisch stagniert.

Allgemeinmedizin und Kasse sind also beide in der Regel unattraktiver. Es ist eine Entwicklung, die schon heute vielen Menschen in Österreich in ihrem Alltag wahrnehmen. Eine Krankschreibung beim Allgemeinarzt ist in der Regel kein Problem. Im Fachärzt*innenbereich kennen viele die Suche nach guten Kassenärzt*innen mit freien Plätzen, lange Wartelisten und Terminausbuchungen für Monate voraus bereits heute allzu gut. Und auch hier lohnt sich ein Vergleich der Entwicklung der Bundesländer:

Besonders stark ist der Anteil der Wahlärzt*innen im Facharztbereich in Oberösterreich (+14%) und Wien (+12%) gestiegen. Niederösterreich verzeichnet hingegen sogar einen Rückgang des Anteils von Fachärzt*innen die keine Kasse haben um zwei Prozent. Damit sticht das Bundesland zum zweiten Mal als Ausreißer heraus: auch die Allgemeinmediziner*innen mit Kassenvertrag gab es nur in Niederösterreich seit 2010 einen Zuwachs (siehe erste Grafik des Beitrags). Warum das so ist, lässt sich leider nicht aus den Daten herauslesen.

Ins eigene Geldbörsl greifen

Obwohl der Trend weg von der Kasse und weg vom Land nichts gutes verheißt, muss an dieser Stelle gesagt werden: Österreich gilt zurecht als ein Land mit guter Gesundheitsversorgung – und auch eines, in der sie allen zugänglich ist. Anders als etwa in den USA sind fast alle Menschen krankenversichert. Arbeitgeber*innen sind dazu verpflichtet. Wer es nicht ist, wird von Vereinen und NGOs trotzdem versorgt. Das sollte die Regel sein, ist weltweit gesehen aber eher die Ausnahme.

Vergleichen wir Österreich aber mit der EU, übernehmen Privathaushalte im Schnitt allerdings einen etwas größeren Anteil der Gesundheitsausgaben. Das zeigt diese Grafik:

Mit drei Prozent mehr, ist der Unterschied natürlich nicht extrem. Er widerlegt aber die weitverbreitete Annahme, dass Österreich auch innerhalb der EU ein Gesundheitswesen mit besonders geringer Übernahme als Privatleistung hat. Unter die Kategorie “Sonstiges”, in der Österreich den größten Unterschied verzeichnet, fallen dabei übrigens auch die Ausgaben für Wahlärzt*innen.

Und der Nachwuchs?

Dass es weniger Land- und Kassenärzt*innen gibt liegt vor allem an den neu hinzukommenden Jungmediziner*innen. Und genau diese erwartet eine weitere Herausforderung: In den nächsten zehn Jahren überschreiten 14.581 Ärzt*innen das Pensionsalter. So waren 2019 rund 19% der Ärzt*innen unter 35 Jahren alt und rund 30% über 55, wie diese Grafik zeigt:

Die Österreichische Ärztekammer hat aufgrund dieser Daten vor einem drohenden Ärztemangel gewarnt: es ergebe sich durch die zu erwartenden Pensionierungen ein jährlicher Nachbesetzungsbedarf von 1.458 Stellen im Jahr, alleine, “um eine Aufrechterhaltung des Status-quo der Kopfzahl zu gewährleisten”. Sprich: ohne Bevölkerungswachstum miteinzurechnen. Der Nachwuchs reiche – so die Ärztekammer – für diesen erwarteten Nachbesetzungsbedarf bei Weitem nicht aus. Gleichzeitig gehen 40% der Medizinstudent*innen an österreichischen Universitäten nach dem Studiumabschluss ins Ausland. Darunter nicht nur jene, die zum Studieren zugezogen sind, sondern auch zunehmend mehr Österreicher*innen, die ein Medizinstudium abschließen.

Fazit

Die verfügbaren Daten belegen Probleme, vor denen auch Interessensvertretungen immer wieder warnen. Kassenverträge sind zu unattraktiv, genauso wie Arbeit am Land. Bevorstehende Pensionierungswellen bringen den Bereich noch mehr unter Druck. Zusätzlich wächst die Bevölkerung Österreichs und wir werden immer älter. Dadurch braucht es auch mehr Ärzt*innen, gleichzeitig sinkt aber die Anzahl jener, die nach dem Medizinstudium in Österreich praktizieren.

Was gegenwirken könnte, sind poltische Maßnahmen. Von Anreizsystemen, wie Stipendien und eigenen Studienplätzen für Medizinstudierende, die später im ländlichen Raum arbeiten, über neue Versorgungsmodelle wie Gemeinschaftspraxen bis hin zur Attraktivitätssteigerung von Kassenverträgen, gibt es hierfür viele Lösungsvorschläge. Das würde auch die Ärzt*innen in Spitälern entlasten. Denn lange Terminausbuchungen und sinkende Kassenangebote tragen auch dazu bei, dass Patient*innen in Österreich zunehmend eine weitere Option wählen: das Aufsuchen eines Spitals. Besonders in den Großstädten wird dort über volle Notfallambulanzen und stundenlange Wartezeiten geklagt.

Die Sustainable Development Goals (SDGs) in Österreich

Spätestens seit den anhaltenden Protesten der Fridays-for-Future Bewegung, die eine schnelle Umsetzung der Ziele des Pariser Klimaabkommens fordert, ist Nachhaltigkeit in aller Munde. Dabei wird oft vergessen, dass sich die Vereinten Nationen bereits 2015 auf 17 Ziele für eine umfassende nachhaltige Entwicklung in allen Bereichen des menschlichen Lebens bis 2030 geeinigt haben. Österreich ist bei vielen Unterzielen auf einem guten Weg, bei einigen allerdings entfernen wir uns von den Zielwerten.

Alle 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben sich bei der UN-Vollversammlung 2015 zur Umsetzung der „UN-Agenda 2030 für eine nachhaltige Entwicklung“ verpflichtet. Mit 17 nachhaltigen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals – kurz SDGs) wird in der Agenda 2030 festgeschrieben, was von den Mitgliedsstaaten auf globaler, nationaler und regionaler Ebene bis 2030 erreicht werden soll. Überziele sind zum Beispiel Ziel 1 „No Poverty (Keine Armut)“, Ziel 5 „Gender Equality (Gleichheit der Geschlechter)“ und Ziel 13 „Climate Action (Maßnahmen gegen den Klimawandel)“. Diese Überziele sind dann nochmals in einzelne Unterziele unterteilt, die sich wiederum meistens auf sogenannte Indikatoren stützen, mit denen die Zielerreichung messbar gemacht werden kann. 

17 SDG Logos
Die Symbole der 17 SGDs und das Logo sind geschützt und dürfen nur unter bestimmten Voraussetzungen und nach genauer Lektüre der Richtlinien verwendet werden.
© United Nations

Die Daten für das Monitoring der Erreichung dieser Ziele werden von den jeweiligen Statistikinstitutionen der Mitgliedsländer gesammelt und aufbereitet. Im Falle der Europäischen Union ist das EUROSTAT und auf nationaler Ebene in Österreich die Statistik Austria. Die Datenbasis ist in vielen Bereichen noch unzuverlässig, beziehungsweise werden oft nicht ausreichend Daten erhoben, um klare Aussagen über die Zielerreichung und die Indikatoren treffen zu können.

Prinzipiell steht Österreich als eines der reichsten Länder des globalen Nordens bei der Erreichung vieler Unterziele der SDGs gut da. Laut Statistik Austria lässt sich nach Auswertung der Daten von 2010 bis 2019 bei 61 von insgesamt 79 untersuchten Nachhaltigkeitsindikatoren ein positiver oder sehr positiver Trend erkennen. Trotzdem gibt es auch einige Unterpunkte, wo sich Österreich immer weiter vom Ziel entfernt und dabei spielt auch die Corona-Pandemie eine Rolle.

Die Corona-Krise hat in bestimmten Bereichen eine direkte Auswirkung auf die Erreichung der Ziele. So ist beispielsweise durch die Ausbreitung des Virus die Erreichung des Ziels 3 “Gesundheit und Wohlergehen” konkret bedroht. Die Wirtschaftskrise, die mit der Gesundheitskrise einhergeht, hat Auswirkungen auf das Ziel 8 “Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum”. Die Statistik Austria sieht zusätzlich einen starken vorwiegend negativen Einfluss auf die Erreichung von Ziel 1, Ziel 4, Ziel 5, Ziel 9 und Ziel 10. Bei den Unterzielen “Zugang zu einwandfreiem Trinkwasser” (Teil des Ziels 6) oder der “verlässlichen Versorgung mit Energie” (Teil des Ziels 7) kann hingegen bereits jetzt von einer vollständigen Zielerreichung bis 2030 ausgegangen werden kann.

Den aktuellen Stand hat die Statistik Austria Mitte November 2020 in dem sogenannten Indikatorenbericht zusammengefasst, dessen Ergebnisse in diesem Beitrag vereinfacht visualisiert werden sollen. Da es den Umfang dieses Projekts sprengen würde, auf alle 17 Ziele einzeln einzugehen, liegt der Fokus insbesondere auf jenen Unterzielen und Indikatoren, bei denen sich Österreich in den vergangenen Jahren laut dem Letztstand des Indikatorenberichts der Statistik Austria signifikant von den Zielwerten wegbewegt hat, also wo man von einem (sehr) negativen Trend sprechen kann. 

Immer mehr Wohnungslose in Österreich

Der Indikator “registrierte Wohnungslose” des Ziels 1 “Keine Armut” bzw. des Unterziels 1.2 weist in den vergangenen Jahren seit 2008 in Österreich einen klar negativen Trend auf. Die Zahl der Menschen, die in die statistische Klassifizierung “Registrierte Wohnungslosigkeit” fallen, ist deutlich angestiegen. Wichtig ist zu wissen, dass es sich hierbei um Menschen handelt, die in Einrichtungen für Wohnungslose untergebracht und dort auch gemeldet sind. Mit diesem Indikator werden also all jene Menschen, die in Obdachlosigkeit oder Wohnungslosigkeit leben und nirgends registriert ist, gar nicht erfasst.

Es ist davon auszugehen, dass es durch die Corona-Krise sowohl bei der Anzahl an Menschen, die in registrierter Wohnungslosigkeit leben, als auch bei der Anzahl an Menschen in Obdachlosigkeit weiter zu einem Anstieg kommt.

Definition Obdach-/Wohnungslosigkeit: Laut einem Bericht der BAWO, der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe, umfasst die Definition von obdachlos, jene Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten, die über keinen festen Wohnsitz verfügen und in Notschlafstellen schlafen. Als wohnungslos gelten Menschen, die temporär oder dauerhaft in einer Trägerwohnung der Wohnungslosenhilfe wohnen.

Hepatitis B wirklich am Vormarsch?

Die Inzidenz der Ausbreitung des Virus Hepatitis B ist ein Indikator des Ziels 3 “Gesundheit und Wohlergehen” bzw. des Unterziels 3.3. Die Statistik Austria hat in ihrem Bericht für diesen Indikator eindeutig einen signifikant negativen Trend festgestellt.

Betrachtet man die Inzidenzfälle pro 1000 Personen uninfizierter Bevölkerung, die von Statistik Austria für die Berechnung des Indikators hergenommen werden, kann man auch tatsächlich eine ansteigende Veränderung, im Jahr 2014 sogar eine Verdoppelung, erkennen. Dieser starke Veränderung nach oben hin ist allerdings auf die Einführung der Labormeldepflicht für Hepatitis B in Österreich 2014 zurückzuführen. Dieser Fall ist ein gutes Beispiel dafür, warum die Auswahl und Messbarkeit der Indikatoren für die Zielerreichung der SDGs immer auch regionalen (politischen) Entscheidungen und Eingriffen unterliegt und das Ablesen einzelner Trends über vergleichsweise kurze Zeiträume (10 Jahre) deshalb nur mit Vorsicht passieren darf.

Wir verbrauchen immer mehr Energie

Eine der schwierigsten Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit ist der immer größer werdende Bedarf an Energie. Zu besseren Verdeutlichung, wie massiv der Energiebedarf Österreichs in den vergangenen Jahren angestiegen ist, habe ich auf Daten aus der Gesamtenergiebilanz Österreichs seit 1970 zurückgegriffen. Für ein besseres Verständnis wird im folgenden Abschnitt kurz die Maßeinheit Terajoule erklärt, die für die Angabe des gesamten Energieverbrauch in der Visualisierung verwendet wird.

1 Terajoule (TJ) entspricht rund 278 Mega-Watt/Stunden (MWh) Energie.
Ein Zwei-Personen-Privathaushalt benötigt rund 3,1 MWh elektrische Energie pro Jahr.
Mit 1 Terajoule können also ein Jahr lang knapp 90 Zwei-Personen-Privathaushalte mit elektrischer Energie versorgt werden. (Quelle)

Seit 1970 lässt sich ein starker Anstieg des Energieverbrauchs in Österreich erkennen. Auch in den Jahren von 2010 bis 2019, der von der Statistik Austria für die Messung eines Indikators des Ziels 7 “Bezahlbare und saubere Energie” herangezogen wurde, gab es keinen signifikanten Rückgang. Als Maximal-Zielwert gilt ein energetischer Endverbrauch von 1 050 000 Terajoule, der in keinem der vergangenen neun Jahre unterschritten wurde. Das hat laut Statistik Austria auch zur Einstufung als negativer Trend bei diesem Indikator geführt.

Der Gesamtenergieverbrauch lässt sich auf unterschiedliche Bereiche, also konkret auf den Industriesektor, den Dienstleistungssektor, die Landwirtschaft, die privaten Haushalte und den Verkehr aufteilen. Dabei gilt vor allem der Verkehr in Österreich als Sorgenkind. Er nahm 2019 immerhin mehr als ein Drittel (36,2%) der gesamten verbrauchten Energie in Anspruch.

Auch in Bezug auf Erreichung eines wichtigen Indikators des Nachhaltigkeitsziel 9 “Industrie, Verkehr und Infrastruktur” bzw. des Unterziels 9.1 schaut es mit dem Verkehr in Österreich nicht gut aus. Im Gegensatz zu den anderen Sektoren stieg der Energieverbrauch des Verkehrs in der Vergangenheit recht stetig an und hat bereits 1997 alle anderen Sektoren überholt. Laut Statistik Austria gab es seit 2010 eine Zunahme um 11 %, weshalb man auch hier von einem negativen Trend sprechen kann.

Österreich, das versiegelte Land

In einem kleinen und bergigen Land wie Österreich ist die Fläche, auf der wir Menschen uns ausbreiten können, knapp bemessen. Jene Fläche, die wir für Landwirtschaft, Siedlung und Verkehrsanlagen nutzen können, nennt man den Dauersiedlungsraum. Knapp 18,4 % des Dauersiedlungsraumes werden 2019 in Österreich in Anspruch genommen und 7,5% des Dauersiedlungsraumes gelten als versiegelt.

Definition Flächeninanspruchnahme/versiegelte Fläche:
Die Flächeninanspruchnahme bildet die Entwicklung von Flächennutzungen für Bau-, Verkehrs und
sonstige Zwecke (Freizeit- und Anbauflächen) ab. Also konkret geht es um jene Fläche, die der Mensch in irgendeiner Form für sich in Anspruch nimmt. Die versiegelte Fläche wiederum beschreibt jene Fläche des Bodens, die mit wasserundurchlässigen Schichten bedeckt wird (zum Beispiel Asphalt).

Wie hier sichtbar wird, ist die von Menschen in Anspruch genommene Fläche in Österreich in den vergangenen Jahren größer geworden. Seit 2010 hat sich die genutzte Fläche des österreichischen Bundesgebiets um 513 km² (9,8%) erhöht. Auch die versiegelte Fläche ist um 200 km², also circa die Hälfte des Stadtgebiets von Wien (414 km²), angestiegen. Diese Indikatoren sind im Teilziel 11.3 des Zieles “11 Nachhaltige Städte und Gemeinden” enthalten. Die Statistik Austria klassifiziert den Trend für die Flächeninanspruchnahme in ihrem Bericht als signifikante Bewegung weg vom Ziel.

Wenig Geld für Länder des globalen Südens

Nachhaltige Entwicklung auf einer globalen Ebene kann nur erreicht werden, wenn gemeinsam an einem Strang gezogen wird. Deshalb sollen die reicheren Länder, also die Länder des globalen Nordens wie Österreich und die meisten EU-Staaten, Länder des globalen Südens finanziell unterstützen, damit es auch für jene ressourcentechnisch möglich wird, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Zusammengefasst wird das mithilfe von unterschiedlichen Indikatoren in dem Ziel 17: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele. 

Zwei dieser Indikatoren können unter dem heute nicht mehr ganz zeitgemäßen Begriff “Entwicklungshilfe” zusammengefasst werden. Wie in der Visualisierung ersichtlich, ist Österreich bei den Ausgaben für die Unterstützung von Ländern des globalen Südens weit von den Zielwerten für 2030 entfernt. Österreich gibt nur einen kleinen Teil seines Bruttonationaleinkommens, also der gesamten von österreichischen Staatsbürger*innen erwirtschafteten Wirtschaftsleistung, für Unterstützungszahlungen an ärmere Länder aus. Die Statistik Austria hebt hervor, dass sich deren Lage besonders durch die Corona-Krise nochmals verschlechtert hat und besonders jetzt mehr finanzielle Unterstützung wichtig wäre.

Das Problem mit der Datenverfügbarkeit

Der Indikatorenbericht von November 2020 liefert den aktuellsten Stand der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele in Österreich. Dabei ist wichtig zu bedenken, dass der jeweilige Bericht immer nur eine Momentaufnahme liefert und die Erreichung der Ziele und ihrer Indikatoren sehr unterschiedlich gut beobachtet werden kann. Logischerweise kann nur die Erreichung jener Ziele bzw. ihrer Indikatoren überprüft werden, von denen Daten verfügbar sind. Kurz gesagt: Es steht und fällt alles mit der Verfügbarkeit der Daten für die Messung der Indikatoren. Konkret liegen laut Statistik Austria in Österreich für rund 17 % der von der UN vorgeschlagenen Indikatoren keine Daten vor. Das betrifft vor allem Ziel 15 “Landökosysteme” und Ziel 16 “Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen”, wo es große Datenlücken gibt. Die Statistik Austria plant in Zukunft nach fachlicher Rücksprache eventuell auch auf Daten von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) zurückzugreifen, wodurch sich ein (noch) besseres Bild des Fortschritts von Österreich bei der Erreichung der SDGs ergeben würde.

Wie es auf europäischer Ebene mit den SDGs aussieht

Für alle, die es bisher geschafft haben, hab ich noch eine kleine “Spielerei”, ein SDG-Tool, der Europäischen Union eingebettet. Mit diesem Tool kann man selbst nachschauen, wie gut die EU bei den einzelnen Nachhaltigkeitszielen und ihren Unterzielen dasteht und in welche Richtung sich der Trend jeweils hinbewegt.

Viel Spaß beim Durchklicken!

Teilzeit und Altersarmut: Frauen am österreichischen Arbeitsmarkt

Systemrelevante Berufe. Ein Begriff, um den man im Jahr 2020 nicht herumgekommen ist. Man denkt an medizinisches Personal, Reinigungskräfte oder Supermarkt-Angestellte. In der von der Arbeiterkammer veröffentlichten “Sonderauswertung des Österreichischen Arbeitsklima Index sind elf Berufe als systemrelevant gelistet. In acht dieser elf Berufe arbeiten deutlich mehr Frauen als Männer. Besonders hoch ist der Frauenanteil in der Kinderbetreuung (88%), im Einzelhandel (86%) und in der medizinischen Assistenz (80%). Laut Arbeiterkammer gehen Berufe mit hohem Frauenanteil auch mit einem hohen Grad an Flexibilisierung einher. Damit sind atypische Beschäftigungsverhältnisse gemeint, die nicht nur mit geringer sozialer Absicherung verbunden sind, sondern auch ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko mit sich bringen und wenig berufliche Entwicklung und Aufstieg ermöglichen.

Letzten November erschien das Buch „Leistungsklasse. Wie Frauen uns unbedankt und unerkannt durch alle Krisen tragen“ von Veronika Bohrn Mena. Die Autorin ist Gewerkschafterin bei der GPA-djp (Fusion aus Gewerkschaft der Privatangestellten und Gewerkschaft Druck, Journalismus, Papier) und Expertin für atypische Beschäftigung. Sie nimmt die Regierung in die Verantwortung, dass viele Menschen in Österreich nicht gleichberechtigt leben können – sprich Männer und Frauen in Partnerschaften sich die Erwerbsarbeit nicht gleichwertig aufteilen können,  weil Frauen nachwievor weniger verdienen als Männer, häufiger in Teilzeit beschäftigt sind, und Kinderbetreuungsplätze oftmals fehlen oder nicht leistbar sind. Bohrn Mena weist auch auf den geschlechtsspezifischen Unterschied von Altersarmut hin.

Altersarmut ist überwiegend Frauensache 

Laut Statistik Austria umfasst der Indikator Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung alle Personen, die armutsgefährdet und/oder erheblich materiell depriviert sind, sowie Haushalte mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität.* Allgemein gesprochen sind Frauen häufiger von Armut betroffen als Männer. Bei der Bevölkerung über 65 Jahren ist die Geschlechterdifferenz besonders deutlich. Warum sind Frauen in der Pension häufiger von Armut bedroht als Männer?

 

 

Der Anteil von Frauen am Arbeitsmarkt

Betrachtet man die Beschäftigungsrate von Frauen in den letzten 30 Jahren, ist ein deutlicher Zuwachs von Frauen am Arbeitsmarkt erkennbar. Auffällig ist hier eine Stagnation zwischen den Jahren 1995 und 2004.

 

Im Jahr 1993, so die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) in ihrer Studie von 2011, wurde in Österreich ein Bundes-Gleichbehandlungsgesetz geschaffen, welches für öffentlich Bedienstete des Bundes gilt und zu bestimmten Maßnahmen der Frauenförderung verpflichtet: zum Beispiel im Rahmen von Aus- und Weiterbildung, oder im Falle einer Einstellung, bei gleicher Qualifikation Frauen den Vorrang zu geben.

Laut ÖIF Forschungsbericht Nr. 19 lag im Jahr 1995 die Betreuungsquote der 0 bis 2-jährigen österreichweit bei 6%. Ab dem Folgejahr waren sechs der 24 Monate Karenzurlaubsgeld für den zweiten Elternteil, also de facto den Vater, reserviert. Auch wenn Österreich so eine der längsten und bestbezahltesten Väterkarenzzeit Europas hatte, gingen kaum Väter in Karenz, weil das Karenzgeld monatlich gering ausfiel.

Wenn Kinderbetreuungsangebote fehlen, hilft auch kein Karenzgeld beim Berufseinstieg 

Im Jahr 2002, so der Forschungsbericht, führte die Regierung Schwarz-Blau I das Kinderbetreuungsgeld ein. Im Unterschied zum Karenzurlaubsgeld wird das Kinderbetreuungsgeld an alle ausbezahlt – unabhängig von vorangegangener Erwerbstätigkeit. Allerdings blieb die arbeitsrechtliche Karenz unverändert: die Maximaldauer sollte weiterhin bei zwei Jahren liegen. Die Teilzeitkarenz wiederum wurde abgeschafft und stattdessen eine Zuverdienstgrenze während der Karenz festgelegt. Das Karenzurlaubsgeld sollte es Müttern ermöglichen, frei zu entscheiden, ob sie ihre Kinder selbst betreuen, oder aber einer Arbeit nachgehen und Kinderbetreuung in Anspruch nehmen. Dennoch hatte die Maßnahme kaum Auswirkungen auf den Wiedereinstieg von Müttern in die Erwerbstätigkeit, da das Kinderbetreuungsangebot für unter Dreijährige in weiten Teilen Österreichs kaum vorhanden war.

Im Jahr 2004 kam schließlich der Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit für Eltern, auch bekannt als Elternzeit. Dieser Rechtsanspruch bedeutet konkret, dass Eltern nicht nur Teilzeit arbeiten dürfen, sondern dass bis zum 4. Geburtstag des Kindes ein Kündigungs- und Entlassungsschutz besteht, danach ein Motivkündigungsschutz. Auch bringt die Elternzeit das Recht auf Rückkehr zur ursprünglichen Arbeitszeit mit sich. Ab dem Jahr 2004 stieg die weibliche Beschäftigungsrate wieder.

Pensionsreformen: Frauen über 50 werden am Arbeitsmarkt präsenter

Aufgrund der Tatsache, dass die Höhe der Pensionsleistungen auf Basis des Einkommens sowie auf Basis der Kontinuität und Dauer der Erwerbstätigkeit errechnet wird, sind Frauen im österreichischen Pensionssystem strukturell benachteiligt. Eine durchgehende 40-jährige Vollzeiterwerbstätigkeit, welche die Voraussetzung für eine ausreichende Absicherung im Alter ist, ist für viele Frauen nicht realistisch. Aus der 2011 veröffentlichten Studie der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) geht hervor, dass im Jahr 2009 die durchschnittliche neu zuerkannte Alterspension von Frauen nur etwa 60% der Alterspension von Männern entsprach.

Laut FORBA haben die Pensionsreformen von 2003 und 2004 mit der Einführung der sogenannten „lebenslangen Durchrechnung“ die geschlechtsspezifische Diskriminierung nur noch verschärft. Das Niveau der Pensionsleistungen wurde nochmals verstärkt mit der individuellen Erwerbsbiographie verknüpft, sprich mit dem Lohn, der in den Jahren der Erwerbstätigkeit verdient wurde. Die Pensionsreform von 2004 ist 2005 in Kraft getreten und seither ist der Anteil der Frauen über 55 am Arbeitsmarkt besonders stark gestiegen.

 

 

Unterschiede in der geschlechtsspezifischen Arbeitszeit

Laut WIFO sind typische Frauenbranchen der Handel sowie das Gesundheits- und Sozialwesen – hier sind Teilzeitquoten der Frauen auch besonders hoch. Die höchste Teilzeitquote weisen Frauen in Hilfsleistungsberufen aus, gefolgt von den Dienstleistungsberufen. Selten hingegen sind Frauen, die eine Führungsposition Teilzeit ausüben.

Die Novelle des Arbeitszeitgesetztes von 2008, so FORBA, zielt auf ein höheres Maß an Arbeitszeitflexibilität. In der Realität hat sie den Gegensatz zwischen kurzer Teilzeitarbeit für Frauen und langer Vollzeitarbeit für Männer verschärft: durch die mögliche Ausdehnung der wöchentlichen bzw. täglichen Arbeitszeit auf maximal 60 bzw. 12 Stunden wird es für Frauen mit Betreuungspflichten noch schwieriger, eine Vollzeitstelle anzunehmen. Gleichzeitig wird es so auch für Männer, die Vollzeit arbeiten, schwieriger, sich Betreuungspflichten mit Frauen aufzuteilen.

„Umverteilung von Arbeit, Zeit und Geld“

Veronika Bohrn Mena appelliert an die Politik, endlich Gleichstellung zu ermöglichen: sie plädiert für eine allgemeine Reduktion der Arbeitszeit auf 30 Stunden, damit eine gleichmäßige Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit stattfinden kann. Ebenso sieht Bohrn Mena die Notwendigkeit für eine verpflichtende Offenlegung der Gehälter in jedem Unternehmen, sowie einen Ausbau der kostenlosen Kinderbetreuung in ganz Österreich.

 

* Berechnet wird die Armutsgefährdung anhand des verfügbaren Haushaltseinkommens dividiert durch die Summe der Konsumausgaben. Im Jahr 2019 lag die Armutsgefährdungsschwelle bei 15 437 Euro für einen Einpersonenhaushalt – das entspricht 1 286 Euro pro Monat.

 

Quellen:

https://www.moment.at/story/veronika-bohrn-mena-frauen-zerreissen-sich-und-fuehlen-sich-trotzdem-wie-versagerinnen

https://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/armut_und_soziale_eingliederung/index.html

Daniel Schönherr, Martina Zandonella: Arbeitsbedingungen und Berufsprestige von Beschäftigten in systemrelevanten Berufen in Österreich. Sonderauswertung des Österreichischen Arbeitsklima Index. Endbericht. Im Auftrag der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, Stand Juni 2020.

Ingrid Mairhuber: Übergänge im Lebenserwerbsverlauf von Frauen und Männern. Herausforderungen und geschlechterdemokratische Perspektiven für Österreich. FORBA Forschungsbericht 1/2011.

Sonja Dörfler, Georg Wernhart: Die Arbeit von Männern und Frauen. Eine Entwicklungsgeschichte der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung in Frankreich, Schweden und Österreich. Österreichisches Institut für Familienforschung (ÖIF) Forschungsbericht Nr. 19, März 2016.

Ulrike Huemer et al.: Österreich 2025: Arbeitszeitverteilung in Österreich. Analyse und Optionen aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), Jänner 2017.

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Das Sterben der kleinen Kinos

Erneut muss eines der kleinen Kinos in Österreich schließen: Nach 107 Jahren war für das Bellaria-Kino in Wien am 17. Dezember endgültig Schluss. Der Betrieb hat sich wirtschaftlich nicht mehr gerechnet. Schuld daran sind aber nicht nur Netflix und Co. 

Eines der ältesten Kinos in Wien hat am 17. Dezember 2019 zum letzten Mal aufgesperrt. Nach einem über 107-jährigen Bestehen zieht damit der Betreiber eines weiteren kleinen Kinos in Österreich die Reißleine. Früher, so sagt Erich Hemmelmayer dem Kurier, als man um 16 Uhr, um 18 Uhr und um 20 Uhr Filme gezeigt hat, sei der Saal bereits um 16 Uhr voll gewesen. Heute hätte man Glück, wenn um 16 Uhr überhaupt noch ein paar Besucher kommen würden. Der Betrieb des Kinos würde sich wirtschaftlich einfach nicht mehr ausgehen.

Dabei lässt sich hinsichtlich der Kinobesuche in Österreich noch längst nicht von einer Krise sprechen. Ungefähr 15 Millionen Menschen haben im Jahr 2017 die heimischen Kinos besucht. Diese Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren kaum bis gar nicht verschlechtert. Einzig in den frühen 2000er Jahren ging es den Kinos hierzulande etwas besser: über 19 Millionen Besucher verzeichneten die Kinos in einem Rekordjahr 2002. Das ist bemerkenswert, vor allem da sich ad hoc noch keine wesentlichen Auswirkungen von Streaming-Diensten auf dem heimischen Kinomarkt beobachten lassen. Netflix ist im Jahr 2014 in Österreich gestartet.

Die alten Kinos kennen härtere Zeiten

Kinos wie das Bellaria, mit ihrer über 100-jährigen Geschichte, haben da bereits härtere Zeiten überlebt. Denn gerade die 1970er Jahre mit der zunehmenden Verbreitung des Fernsehens hatten massive Auswirkungen auf den österreichischen Kinomarkt. Während 1962 die Anzahl der Kinobesuche noch bei ungefähr 90 Millionen lag, sank diese Zahl bis 1975 auf fast 20 Millionen Besuche herab. Etwa 700 österreichische Kinos mussten in diesem Zeitraum schließen. Man spricht vom sogenannten “Kinosterben”.

Doch die Talfahrt für die heimischen Kinos war damit noch nicht beendet. Neben dem Siegeszug des Fernsehens eröffneten 1979 in Braunau und 1980 in Wien die ersten Kinocenter. Der heimische Kinomarkt verlagerte sich mehr und mehr in die Vorstädte und an den Stadtrand. Bis 1986 sank damit die Zahl der Kinos in ganz Österreich auf nur mehr 536. Im Jahr 1990 erreichte die Anzahl der Kinobesuche schließlich ihren Tiefpunkt: Nur mehr 10 Millionen Menschen gingen in dem Jahr in ein Kino.

In den Folgejahren ist dann etwas Interessantes passiert: Während die Kinosäle in den 1970er Jahren noch relativ groß waren und im Durchschnitt über 300 Personen darin einen Platz fanden, wurden diese in den 1990er Jahren – insbesondere in den großen Kinocentern – immer öfter auf mehrere kleine Säle aufgeteilt. Mit dieser Strategie konnte man der geringen Saal-Auslastung in dieser Zeit entgegentreten. Und zeitgleich das Angebot an Filmen vielfältiger machen.

Die Großen verdrängen die Kleinen

Zumindest für die großen Kinocenter ging diese Strategie des vielfältigen Angebots auf. Der Kinomarkt und auch die Besuchszahlen stiegen bis in die 2000er Jahre wieder an – zumindest im Durchschnitt. Doch für die kleinen Kinos, darunter die Alternativkinos der 1970er Jahre, die das Kinosterben überstanden hatten, blieben die Zeiten hart. Während die großen Kinocenter sich wirtschaftlich erholten, starben vor allem Ein-Saal-Kinos weiter aus.

Bis heute nimmt deshalb die Anzahl der Kinos in Österreich weiter ab. Nur mehr 139 Kinos zählt die Statistik Austria im Jahr 2017. Übrig bleiben eher die Großen: das sieht man auch daran, dass ein Kino in Österreich im Jahr 1997 durchschnittlich weniger als zwei Säle bespielt. Im Jahr 2017 hat ein durchschnittliches österreichisches Kino bereits vier Säle. Der Trend setzt sich fort – aber nicht in allen Bundesländern gleich.

Unterschiede in den Bundesländern

Das Kinosterben bis in die 1990er Jahre hat alle österreichischen Bundesländer hart getroffen. Doch im  Burgenland und in Kärnten hat man sich nicht mehr davon erholt. Die Anzahl der Kinos stagniert bis heute auf einem niedrigen Niveau. Besser erging es Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark – hier hat man es in den frühen 2000er Jahren geschafft, das Kino ein Stück weit wieder zurückzubringen. Die meisten Kinos, insgesamt 27, konnte sich allerdings Wien bewahren. Auch wenn der Verlust des Bellaria ein weiterer herber Rückschlag war.

Titelbild: © Rald Waldhart

 

Das Vielfliegerland Österreich

Es gibt seit Jahren die Diskussion, ob der Flughafen Wien eine dritte Piste benötigt. Im Frühjahr hat das Höchstgericht schließlich den Bau der Piste genehmigt. Doch ist Österreich mit rund 8,8 Mio. Einwohnern wirklich ein Vielfliegerland? Wie populär ist Fliegen in Österreich überhaupt und wohin fliegt Herr und Frau Österreicher eigentlich am liebsten? Aktuelle Daten zum Thema Flugentwicklung in Österreich geben Antworten. Von Finn Niklas Herwig

Passagierentwicklung in Österreich

Die ÖsterreicherInnen fliegen und fliegen. Österreichweit hat sich die Gesamtpassagierzahl aller großen Flughäfen – das sind die Flughäfen in Wien, Graz, Linz, Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt – mehr als verdoppelt. Eine deutliche Entwicklung der Passagiere ist derzeit hauptsächlich beim Flughafen Wien und Graz erkennbar. Es zeigt sich außerdem, dass alle Flughäfen große Ereignisse gleichermaßen beeinflusst: So ist der Zeitachse die Weltwirtschaftskrise 2008/09 deutlich zu entnehmen, die einen Einbruch an Passagieren für alle Flughäfen und Airlines zu Folge hatte.

Natürlich macht der Wiener Flughafen den Hauptteil aller Passagiere aus. Während die Flughäfen in den Landeshauptstädten vor allen Geschäftsflieger und Charterpassagiere von und in die Skigebiete fliegen, gilt der Wiener Flughafen als Drehscheibe nach Osteuropa und als wichtiger Knotenpunkt zu den anderen großen europäischen Flughäfen. Während in Wien täglich rund 660 Flugzeuge starten/landen, sind es am kleinsten österreichischen Flughafen (Klagenfurt) nur rund 10 Flugzeuge.

Wien im internationalen Vergleich

Auch im internationalen Vergleich steht der Flughafen Wien gut da. In der DACH-Region nähert sich der Wiener Flughafen immer mehr dem Zürcher Flughafen an, obwohl dieser drei Pisten zur Verfügung hat und derzeit rund 100 Flüge pro Tag mehr abfertigt. Grundlegend zeigt die Grafik aber, dass es einen internationalen Aufwärtstrend beim Fliegen gibt und Fliegen so populär wie nie ist.

Warum fliegen die Leute überhaupt?

Die einen fliegen in den Urlaub, für die anderen ist es notwendiges Übel, um von dem einen Meeting zum Nächsten zu kommen. Fliegen hat unterschiedliche Gründe, bei denen Frau und Mann auch nicht zu unterschiedlich sind. Das Flugzeug konkurriert – gerade hinsichtlich der aktuellen Klimakrise – immer mit der Bahn und mit dem Auto. Schnelligkeit und Bequemlichkeit sind daher und neben günstigen Preisen mitunter die Hauptgründe fürs Fliegen.

Einen Mythos gibt es jedoch: Das Flugzeug sei automatisch schneller als bspw. die Bahn oder das Auto. Es gäbe schließlich keinen Stau oder keine Gleisbauarbeiten, die die Reisezeit unnötig in die Länge ziehen könnten.
Es gibt jedoch genügend Städte, die nicht automatisch angeflogen werden müssen, da sie die gleiche Reisezeit mit dem Flugzeug wie die Bahn haben. So ist beispielsweise die durchschnittliche Reisezeit zwischen Wien und München sowohl per Bahn als auch mit dem Flugzeug rund 4 Stunden lang. Die eigentliche Flugzeit nach München beträgt zwar nur rund eine Stunde, jedoch kommt durch Sicherheitskontrollen, Check-In und eventuelles Warten auf den Koffer noch einiges an Zeit dazu.

Low-Cost oder Luxusairline? Airlines am Flughafen Wien

Der Flughafen Wien ist seit Beginn „Heimathafen“ für die österreichische Nationalairline Austrian Airlines, die seit einigen Jahren gänzlich zur deutschen Lufthansa-Gruppe gehört. In den letzten Jahren gab es jedoch einen Boom an Billigairlines, die mit günstigen Flugpreisen ihre Marktdominanz demonstrieren und den traditionellen Airlines den Platz und die Passagiere wegnehmen. Platz 3 und 5 der Top-Airlines am Flughafen Wien belegen so bereits die britische Billigairline Easyjet und Laudamotion. Auch die ungarische Airline Wizz Air hat im Jahr 2018 einen deutlichen Aufschwung erlebt.

Die Lufthansa-Gruppe – zu der eben neben der Lufthansa, noch Austrian Airlines, Swiss, Eurowings und Brussels Airlines gehören – dominiert den europäischen Airline-Markt und auch den Flughafen Wien mit 63% aller Flügen. Dennoch wurde erst kürzlich bekannt, dass die Lufthansa-Gruppe einen harten Sparkurs als Resultat auf die stark wachsenden Billig-Airlines fahren muss. Langfristig wird sich also zeigen, ob die Lufthansa-Gruppe und allem Voran die Austrian Airlines ihre Position verteidigen kann.

Wohin fliegen die ÖsterreicherInnen eigentlich?

Es zeigt sich, dass die ÖsterreicherInnen vor allem in die direkten Nachbarländer oder zu den klassischen Urlaubszielen wie Griechenland und die Türkei fliegen. In den letzten 10 Jahren haben sich die TOP 10 Reiseziele nicht stark verändert: Deutschland steht mit großem Abstand an erster Stelle.

Weltweit gesehen werden von Wien aus rund 75 Reiseziele angeflogen (2000 waren es noch rund 66 Reiseziele), wobei in der Statistik vereinzelte Zielländer zu Clustern zusammengeführt werden. So werden zentralafrikanische Länder oder auch mittelamerikanische Inseln zusammengefasst, daher können diese Reiseziele in der Grafik nicht dargestellt werden. Es ist auch ein Trend in der Erschließung neuer Reiseziele, um möglichst viele und neue KundInnen anzusprechen, erkennbar. Klar erkennbar ist, dass vor allem Europa, aber auch Nordamerika und Asien direkte Zielländer von Wien aus sind. Südamerika und die afrikanischen Länder, ebenso wie Ozeanien und Süd-Ost-Asien werden bislang nur über die großen europäischen HUBs (Frankfurt, London, Paris) oder über andere Zwischenstopps angeflogen.

Fliegen: Der Klimakrise entgegen

Wie bereits vorher erwähnt lässt sich das Argument „Fliegen ist ja schneller als die Bahn“ schnell entkräften, da die realistische Reisezeit – je nach Zieldestination – nahezu identisch ist. Gerade in Zeiten der „Fridays for Future Bewegung“ sollte das Fliegen überdacht werden, vor allem da die Emissionszahlen zeigen, dass Fliegen im Vergleich zur Bahn deutlich umweltschädigender ist.

Beim Ausstoß von CO2-Emissionen wird häufig zwischen direkten und indirekten Emissionen unterschieden. Direkte Emissionen fallen durch die konkrete Nutzung des Verkehrsmittels an. Beim Flugzeug sind direkte Emissionen beispielsweise der Treibstoffverbrauch. Indirekte Emissionen entstehen durch die gesamte Wertschöpfungskette, also Airport-Handling, Passagiere, etc. Daher zeigt sich, dass beim Fliegen deutlich höhere CO2-Emissionen pro Personenkilometer anfallen als bei der Bahn; nur das Auto ist noch umweltschädigender.

Auch die gesamten, durch den Flugverkehr hervorgerufen, CO2-Emissionen in Österreich steigen in den letzten Jahrzehnten deutlich an. Es gibt derzeit zwei unterschiedliche Berechnungsmethoden für die CO2-Emissionen beim Flugverkehr: einerseits die des Umweltbundesamt, die die Berechnung basierend auf dem Emissionshandel anstellt, andererseits die des VCÖ (Verkehrsclub Österreich), der die Emissionen basierend auf dem Treibstoffverbrauch pro Flug berechnet. Eine 100% realistische Abbildung des Verbrauchs ist generell leider nicht möglich, da beide Varianten entweder nicht alle Emissionen ausweisen oder nur hochgerechnet werden. “Eine Tendenz nach oben bei den CO2-Emissionen des Flugverkehrs in Österreich innerhalb der letzten acht Jahre, zeichnet sich aber in beiden Berechnungen ab”, so der VCÖ auf Anfrage. Fliegen wird über die nächsten Jahre – gerade hinsichtlich der Einführung von CO2-Steuern – vermutlich teurer werden. Es macht daher Sinn, jeden anstehenden Flug zu überdenken und die tatsächliche Reisezeit zu bedenken und so vielleicht auf die Bahn auszuweichen.

Fazit

Es lässt sich festhalten, dass der Flugverkehr in Österreich stetig steigt. Die steigenden Passagierzahlen sind ein Beleg dafür, dass sich der Flughafen Wien an diese Steigerung anpassen muss und mit der dritten Piste bereits eine mögliche Option gefunden hat. In der Flug-Branche findet zusätzlich derzeit eine Trendwende hinsichtlich Flugzeugtypen statt. Während es in den letzten 10 Jahren beliebt war, möglichst große Flugzeuge wie den Airbus A380 mit einer Kapazität mit bis zu 550 Passagieren einzusetzen, haben die Airlines gemerkt, dass diese Flugzeuge zu kostenintensiv sind und beziehen zukünftig wieder kleinere Flugzeuge, die nicht so viele Passagiere aufnehmen können. Für den Flughafen Wien bedeutet das, dass es für die internationalen Flugziele vereinzelt mehr Flüge geben wird, da eine Route häufiger – aber dafür mit kostensparender Flugzeugtypen – bedient wird.

So wird, basierend auf den stark steigenden Passagier- und auch Flugzahlen sowie durch den generellen Ausbau des Flughafens Wien eine dritte Piste langfristig gesehen notwendig werden. Wenn der Flug-Trend also so weitergeht, müssen sich der Flughafen Wien und die einzelnen Airlines, gerade hinsichtlich der Klimakrise, verändern. Ob also eine dritte Piste oder eine Adaptierung der Reiseziele oder wieder der Einsatz größerer Flugzeugtypen dafür passende, umweltfreundliche Lösungen sind, wird sich zeigen.

Österreichs Abfallwirtschaft in 1.000 Worten

Wir produzieren täglich mehr Müll. Das zeigen nicht nur weltweit Bilder und Videos, besonders aber Daten aus der Abfallwirtschaft der letzten Jahre machen diese Aussage zu einer Tatsache. Bevölkerungszuwachs, Produktions- und Konsumsteigerung, wie auch die Begrifflichkeit der Wegwerfgesellschaft sind mit ein Grund für diese Entwicklung. Aussichtslos wirkt die Situation, kratzt man die Thematik nur oberflächlich an; wirft man allerdings einen Blick hinter die Kulissen, sieht es in Österreichs Abfallwirtschaft eigentlich gar nicht so trist aus. Ein Erklärungsversuch in 1.000 Worten.

First things first – Was ist denn eigentlich “Abfall”?

Als Abfall bezeichnen wir laut Abfallwirtschaftsgesetz 2002 (kurz AWG 2002) alljene Dinge, derer wir uns “entledigen möchten oder schon entledigt haben.” Diese Definition macht Abfall daher nicht automatisch zu Müll. Für andere Personen, vor allem auch für Unternehmen, ist Abfall ein Rohstoff und lukratives Handelsgut. Deklariert man eine Sache einmal als Abfall, wird sie mithilfe des österreichweiten Abfallkatalogs ÖNORM S-2100 einer passenden Kategorie zugewiesen. International gilt der European Waste Catalogue (kurz EWC). Jede dieser Kategorien ist mit einer Schlüsselnummer gekennzeichnet, was eine einheitliche Handhabung und Verständnis von Abfällen gewährleistet, auch über die Branchengrenzen hinweg.

Woher kommen Österreichs Abfalldaten eigentlich und wie werden sie erhoben?

Zumindest alle sechs Jahre erscheint nach AWG 2002 der Bundesabfallwirtschaftsplan (kurz BAWP), in dem die aktuelle Abfallsituation des Bundes und bereits durchgeführte und geplante Maßnahmen zur Vermeidung und Behandlung von Abfällen diskutiert werden. Zu einem großen Teil werden industrielle und gewerbliche Abfälle, aber auch Haushaltsabfälle thematisiert. Mit dem ersten BAWP im Jahr 1992 wurden bis 2017 sechs weitere Pläne vom Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus veröffentlicht.

Alle bisher erschienenen Bundesabfallwirtschaftspläne, 1992 bis 2017
Alle bisher erschienenen Bundesabfallwirtschaftspläne, von 1992 bis 2017.

Ergänzend führen auch die einzelnen Bundesländer in individuellen Landesabfallwirtschaftsplänen (kurz LAWP) nach Möglichkeit jährliche Aufzeichnungen. Die aufgezeichneten Daten zwischen den bundes- und den landesweiten Plänen variieren dabei insoweit, als sich die Zeitpunkte, die Methoden und die Genauigkeit der statistischen Erfassung, aber auch die Abfallsammelsysteme an sich und damit die Datengrundlage über die Jahrzehnte wiederholt verändert und weiterentwickelt haben. Bund und Länder wiederum bekommen ihre Daten unter anderem von den einzelnen Abfallsammelstellen, die den beispielsweise durch Lastwägen angelieferten Abfall per Brückenwaage aufzeichnen.

Und wie sehen nun die Zahlen zu Österreichs Haushaltsabfällen aus?

In den vergangenen 28 Jahren sind die gesamten Abfallmengen aus Haushalten in Österreich um über 75% gestiegen. Diese Steigerung hat selbstverständlich mit der Sache an sich zu tun – wir produzieren, konsumieren und entsorgen einfach mehr als früher – auf der anderen Seite gibt es noch andere zusätzliche Faktoren, die die Genauigkeit der Daten schwer beeinflussen. Zu einem kleinen Teil ist das beispielsweise die Entwicklung der Genauigkeit von statistischen Erhebungsmaßnahmen, vor allem aber auch die abfallbezogene Gesetzeslage, die im Laufe der Zeit immer umfangreichere, akkuratere und regelmäßigere Datenerfassung vorschrieb.

Nicht nur die getrennte Sammlung, auch die getrennte Erfassung bestimmter Abfallkategorien hat sich erst im Laufe der Zeit durch Gesetzesvorlagen etabliert. Beispielsweise begann man erst mit dem Jahr 2003 Elektro- und Elektronikaltgeräte gesondert zu erfassen. Verpackungsmetalle und Verpackungsschrott (sperrige Metalle) hält man erstmals 1997 getrennt fest. Auch dadurch sind leichte Abweichungen zur obigen Darstellung durchaus möglich.

Sieht man sich auf der einen Seite die steigenden Abfallmengen aus Österreichs Haushalten an, muss man auf der anderen Seite auch die steigenden und aktuellen Bevölkerungszahlen ins Auge fassen. Setzt man erst diese beiden Punkte in Relation, lässt sich die ursprüngliche Aussage, wir würden mehr Müll produzieren, deutlich bebildern. Hier zeigt sich eine landesweite Steigerung der individuellen Abfallmengen.

Entwicklung der Haushaltsabfälle in Kilogramm pro Einwohner nach Bundesländern

Und wie genau funktioniert Abfallwirtschaft?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die ersten Ansätze in Richtung Abfallsortierung gemacht. Seitdem hat sich viel verändert. In der Zeit von 1980 bis 1990 etablierte man schließlich ein Sammelsystem. Haushaltsabfälle waren ab da an getrennt voneinander zu sammeln und zu verwerten. Bis heute findet man im eigenen Haushalt oder in Wohnungsnähe Sammelbehälter für Altpapier, die braune Biomülltonne, einen Altglascontainer für getrennte Sammlung von Weiß- und Buntglas, eigene Sammelbehältnisse für Metall und Metalldosen, für Plastikflaschen und die schwarze Restmülltonne. Besonders wichtig ist beim Mülltrennen zusätzlich ein Behältnis für Sondermüll, wie beispielsweise Medikamente, Fette, Batterien und sonstige Problemstoffe. Sperriger Abfall kann jederzeit an deklarierte Mistplätze gebracht werden. Vorort erhält man auf Wunsch auch zusätzlich Beratung zur ordnungsgemäßen Entsorgung.

Von den Tonnen und Säcken vor der Haustüre kommt der Abfall in unterschiedlichste Verwertungs- und Aufbereitungsanlagen. Dort werden alle Stoffe gewogen, noch einmal sortiert und bei Bedarf vorbehandelt.

Wo eine Wiederverwendung nicht wirtschaftlich möglich erscheint, findet eine Wiederverwertung statt, um sogenannte Sekundärrohstoffe zu erzeugen. Biologische und Grünabfälle, fermentiert beziehungsweise kompostiert, erzeugen, wie auch die Aufbereitung und Verbrennung anderweitiger Abfallsorten, Energie in Form von Dampf, Strom und Wärme. Somit wird Abfall auf die eine oder andere Weise wieder in die Wirtschaft rückgeführt. Alle diese Vorgänge finden in ganz Österreich in insgesamt 1.945 Behandlungsanlagen und 1.004 Deponien statt. Nur mehr wenige schwer verwertbare Abfälle werden heutzutage zur endgültigen Beseitigung deponiert, auch da seit 2004 die gesetzliche Regelung besteht, keine unbehandelten Abfälle deponieren zu dürfen.

Warum sollte man also das Thema Abfall nicht nur negativ sehen?

Spricht man heutzutage von Abfällen, darf man neben der negativen Konnotation die anderen, positiveren Seiten des Themas auf keinen Fall außer Acht lassen, beinhaltet der Überbegriff Abfallwirtschaft neben der Müllsammlung auch dessen Behandlung, Verwertung und Beseitigung. Zwar sind Konsum und Verbrauch über die letzten Jahre stark angestiegen, die Abfallwirtschaft hat sich dieser Entwicklung allerdings laufend angepasst – durchschnittlich 59 Prozent der Abfallmengen aus Haushalten werden wiederverwertet. Im Europavergleich steht Österreich an sehr hoher Stelle. Die österreichischen Unternehmen der Abfallwirtschaft sind international bereits federführend.

Auch in der Abfallwirtschaft wird laufend Forschung betrieben, um einerseits bereits bestehende Prozesse zu effektivieren, und andererseits für zurzeit noch ausschließlich deponierbare Abfälle eine Behandlungsmöglichkeit zu finden. Besonders intensiv wird aktuell an der Digitalisierung des Sammel- und Sortiersystems gearbeitet, an einer Abfallwirtschaft 4.0, um längerfristig höhere Recyclingquoten für nichtgefährliche gemischte Abfälle erzielen zu können. Die Montanuniversität Leoben hat es sich dahingehend zum Ziel gesetzt, mit ihrem Projekt ReWaste4.0 genau diesen Themenbereich zu erforschen.

Und, Lust aufs Müll-Trennen bekommen?

Wer nicht schon längst dahinter ist, kann sich zum Thema Müll-Trennen durch diese Links klicken. Es ist nie zu spät, um damit anzufangen. Wir tun damit nicht nur Umwelt und Gesellschaft etwas Gutes. Durch Vermeidung und korrekte Entsorgung werden Dinge, die wir als Abfall bezeichnen, für andere zu neuen Rohstoffen. Und im Zuge des Kreislaufes vielleicht auch wieder für uns selbst!

Bau keinen Mist! – Stadt Wien
Alphabet der Mülltrennung – IKB
Weltmeister Österreich – ARA

Wie gerecht ist unser Arbeitsmarkt?

von Michael Chudik & Selma Dikici / Lesedauer: 5 Minuten

Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt. Dieses Jahr belegten wir im Allianz Global Wealth Report, ein Bericht der das Vermögen der Länder misst, sogar den 16.Platz und liegen somit zwei Plätze vor Deutschland. Einer der Gründe, weshalb Österreich so ein wohlhabendes Land ist, ist unser Arbeitsmarkt. Neben vielen Beratungsstellen und Weiterbildungsmöglichkeiten, bietet er vor allem ein großes Angebot an offenen Stellen und ist bekannt für sein System des Miteinanders von Politik und Sozialpartnerschaft, das in Europa als vorbildhaft gesehen wird. Besonders lobenswert ist dabei unser System der Kollektivverträge und die Tatsache, dass niemand aufgrund seines Alters, Geschlechts, Aussehens oder seiner Herkunft diskriminiert werden darf. Doch ist unser Arbeitsmarkt wirklich so gerecht, wie er scheint?

Erwerbstätige in Österreich

Laut Eurostat lebten im Jahr 2018 insgesamt 8.822.000 Menschen in Österreich, davon waren laut Statistik Austria knapp 6 Millionen Personen erwerbsfähig (15- bis 64-Jährige; ausgenommen Präsenz- und Zivildiener). Tatsächlich erwerbstätig waren im Jahr 2018 4.54 Millionen Personen. Die Anzahl der erwerbstätigen Österreicherinnen und Österreicher entspricht daher einem Anteil von rund 76,8% der Bevölkerung. Dank dieser großen Zahl an arbeitenden Menschen, erreichte das Bruttoinlandsprodukt letztes Jahr, laut Statista, 43.640 Euro. Damit erreichte das auf die Einwohnerzahl umgerechnete BIP einen erneuten Höchststand, nachdem es schon in den Vorjahren stetig gestiegen war. Doch wie viel verdienen die Österreicherinnen und Österreicher denn eigentlich?

Das durchschnittliche Einkommen

Die untenstehende Grafik von Statistik Austria* zum Nettojahreseinkommen von 2002 (Einführung Euro) bis 2017 (dividiert durch 14 Monatsbezüge) zeigt, dass das durchschnittliche Nettoeinkommen der unselbstständigen erwerbstätigen Österreicherinnen und Österreicher in den letzten 16 Jahren um etwa 350€ gestiegen ist. Im Jahr 2002 betrug es noch rund 1120€, während es 2017 bereits knapp 1500€ betrug. Vom Jahr 2002 bis 2015 gab es immer wieder kleine Aufstiege in der Höhe von 10 bis 30€, doch von 2015 bis 2016 kann man den größten Sprung des Nettoeinkommens beobachten, in diesem Jahr hat es sich um rund 70€ erhöht. Nun stellt sich die Fragen, in welchem österreichischen Bundesland man denn am meisten verdient.

Das durchschnittliche Einkommen in den Bundesländern

Bereits auf dem ersten Blick erkennt man, dass die Österreicherinnen und Österreicher im Jahr 2017 in Wien am wenigsten verdient haben. Da betrug das Monatsnettoeinkommen der Bürgerinnen und Bürger rund 1400€, während es im gleichen Jahr in Niederösterreich um 223€ höher war. Doch woran liegt das? Wie kann es sein, dass man in der Hauptstadt Österreichs weniger verdient, als im Bundesland, das Wien umringt? Nach Niederösterreich liegt das Burgenland mit einem Monatsnettoeinkommen von 1613€ an zweiter Stelle, gefolgt von Oberösterreich mit durchschnittlich 1590€.

Wenn man sich die Grafik unten nun etwas genauer ansieht, dann sieht man das Monatsnettoeinkommen der Bundesländer auf der x-Achse und die durchschnittliche Miete der Wohnungen beziehungsweise Häuser auf der y-Achse. Es wird deutlich, dass die Miete in Vorarlberg, im Gegensatz zu den anderen Bundesländern, am höchsten ist. Dort zahlt man durchschnittlich etwa 600€ Miete, während man in Kärnten mit 411€ am wenigsten zahlt. Zu den Höchstzahlern gehören ebenfalls Salzburg, Tirol und Wien, obwohl man in diesen Bundesländern am wenigsten verdient.

Vergleicht man das Einkommen und die Miete der jeweiligen Bundesländern miteinander, fällt auf, dass man “am Land”, wie Österreicherinnen und Österreicher so gern sagen, mehr verdient als in der Stadt (Wien).

Was bedeuten diese Zahlen denn nun genau? Untenstehend wird die Miete in Prozent des Nettoeinkommens dargestellt. Damit kann gesagt werden, dass das “Leben” im Burgenland oder Kärnten am günstigsten ist, da man in diesen Bundesländern nur etwa ein Drittel seines Einkommens für die Miete ausgibt und somit rund 70% für den Rest des Monats übrig hat. Währenddessen ist das “Leben” im Westen am teuersten. Spitzenreiter ist Tirol, wo knapp 40% des Einkommens für die Miete aufgebracht werden müssen, gefolgt von Salzburg und Vorarlberg. Auch in Wien sind die Mieten im Vergleich zum Einkommen hoch, denn die Wienerinnen und Wiener geben jeden Monat knapp 37% ihres monatlichen Gehaltes für die Miete her.

Der Gender-Pay-Gap in Österreich

In der Arbeitswelt spielt auch der Gender-Pay-Gap eine große Rolle. Er beschreibt den Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Brutto-Gehalt von Frauen und Männern, wobei er immer als prozentualer Anteil des durchschnittlichen Bruttoeinkommens von Männern angegeben wird. Wenn man sich jetzt zum Beispiel die untenstehende Grafik ansieht, so sieht man links den Gender-Pay-Gap von Frauen und Männern, die sowohl Voll- als auch Teilzeit arbeiten. Am höchsten ist er in Vorarlberg, da bekommen die Frauen durchschnittlich etwa die Hälfte des Gehaltes der Männer. Knapp gefolgt von Tirol und Oberösterreich, wo Arbeiterinnen etwa 56% des durchschnittlichen Bruttoeinkommens der Männer erhalten.

Unserer Meinung nach ist es nicht ganz fair alle Voll- und Teilzeit-Arbeiterinnen und -Arbeiter miteinander zu vergleichen, da in Österreich deutlich mehr Frauen als Männer Teilzeit arbeiten (siehe nächste Grafik). Daher haben wir uns auch den Gender-Pay-Gap von Frauen und Männern angesehen, die ganzjährig Vollzeit arbeiten, da erkennt man, dass er eigentlich deutlich geringer ist. Somit ist der Gender-Pay-Gap der ganzjährig Vollzeit Tätigen in Vorarlberg deutlich geringer, denn die Frauen erhalten etwa 3/4 des Bruttoeinkommens der Männer. In allen anderen Bundesländern bewegt sich dieser Wert etwa zwischen 80 und 85%, wobei er in Wien am größten ist. Da erhalten Frauen etwa 94% des Bruttoeinkommens der Männer. Auch hier sieht man , dass Wien sich, im Gegensatz zum Rest von Österreich, deutlich abgrenzt. Hier ist der Gender-Pay-Gap geringer als am Land.

Teilzeiterwerbstätige in Österreich

Wenn man Voll- und Teilzeit arbeitende Männer und Frauen mit einander vergleicht, erkennt man sofort, dass hier der Gender-Pay-Gap deutlich größer ist als bei den ganzjährig Vollzeit Arbeiterinnen und Arbeitern. Der Grund dafür ist, dass durchschnittlich etwa fünf Mal so viele Frauen Teilzeit arbeiten wie Männer. In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der Teilzeiterwerbstätigen zwar gestiegen, aber das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ist gleich geblieben. Von 2008 bis 2018 hat sich die Zahl der Teilzeit arbeitenden Männer um etwa 80.000 erhöht, während es bei den Frauen etwa um 200.000 gestiegen ist. Ein Grund, warum heutzutage deutlich mehr Österreicherinnen Teilzeit arbeiten, ist bestimmt der Nachwuchs. Es ist allseits bekannt, dass nach der Geburt meist die Frauen ihre Stunden reduzieren um sich besser um das Kind oder die Kinder kümmern zu können. Meist sind es auch die Väter, die besser verdienen (Stichwort: Gender-Pay-Gap) und deshalb entscheiden weiterhin Vollzeit zu arbeiten, während die Partnerin nur noch die Hälfte der Zeit arbeitet.

Gender-Pay-Gap bei den gleichen Berufen

Nun wurde bereits festgestellt, dass etwa fünf Mal so viele Frauen in Österreich Teilzeit arbeiten wie Männer. Wenn man aber das Bruttogehalt der Vollzeit tätigen Frauen mit dem der Vollzeit tätigen Männer vergleicht, so sieht man, dass sie trotzdem etwas weniger verdienen als ihre Kollegen. Doch wie sieht es bei den Frauen aus, die den gleichen Beruf, wie die Männer ausüben?

Um die Unterschiede zwischen dem Brutto-Jahresgehalt der Frauen und Männer in den gleichen Berufen zu zeigen, wurden folgende Berufe ausgewählt: Sekundarschullehrer, Wirtschafts-/Steuerberater, Führungskräfte, Anwälte, Geschäftsführer und Ärzte mit Praxis. Die Grafik zeigt, dass Sekundarschullehrer jährlich etwa 20.000€ mehr bekommen als ihre Kolleginnen, obwohl sie die gleiche Tätigkeit ausüben. Bei der Wirtschaft- und Steuerberatung erhalten die Männer durchschnittlich ein doppelt so großes Brutto-Jahresgehalt wie die Frauen. Ganz ersichtlich wird der Unterschied bei den Ärzten mit Praxis, sie verdienen, im Gegensatz zu den Ärztinnen mit Praxis, fast 80.000€ mehr im Jahr. Und das, obwohl sie täglich das gleiche machen, wie ihre Kolleginnen. Wieso ist das so?

Fazit

Anhand der vorgestellten Zahlen und Grafiken lässt sich sagen, dass der österreichische Arbeitsmarkt in vielerlei Hinsicht nicht gerecht ist. Wenn man beispielsweise in Tirol arbeitet und wohnt, dann gibt man prozentual gesehen mehr für seine Miete aus, als in Kärnten oder im Burgenland. Es ist unfair, wenn Bürgerinnen und Bürger in gewissen Bundesländern finanziell gesehen ein “leichteres” Leben haben, als in anderen.

Außerdem wird die Höhe des Gehaltes nach wie vor vom Geschlecht der Person abhängig gemacht. Die Zahlen zeigen deutlich, dass man als Frau in Österreich weniger verdient als Mann, und zwar in jedem Beruf. Noch dazu verdienen Frauen außerhalb von Wien deutlich schlechter, obwohl die Wienerinnen und Wiener insgesamt in Österreich am wenigsten verdienen. Da muss man sich als Frau schon zwei Mal überlegen in welchem Bundesland man denn nun arbeiten möchte.

 

* Um darauf zu achten, dass die Zahlen über das durchschnittliche Nettoeinkommen in ganz Österreich und in den jeweiligen Bundesländern korrekt sind, haben wir den Durchschnitt für die Bundesländer selber ausgerechnet und entdeckt, dass diese Zahlen nicht ident sind. Daher haben wir Statista und anschließend Statistik Austria kontaktiert und die Information erhalten, dass beim durchschnittlichen Nettoeinkommen der Österreicherinnen und Österreicher auch jene in die Statistik eingeflossen sind, die zu dem Zeitpunkt im Ausland gearbeitet haben. Bei der Grafik über das Nettoeinkommen in den österreichischen Bundesländern wurden die Bürgerinnen und Bürger im Ausland nicht dazu gezählt. Somit erhält man minimal unterschiedliche Zahlen, wenn man sich das durchschnittliche Nettoeinkommen der zwei Grafiken ansieht.

Popularität von Superheldenfilmen noch lange nicht im Endgame?!

Ein Beitrag von Mathias Frank und Rafael Gindl

Ist es ein Vogel…. ist es ein Flugzeug… Nein, es sind Iron Man und Captain America, die auf den Rücken ihrer Avengers – Freunde uns Kinogehern mehr Geld aus den Taschen ziehen als jeder andere Film zuvor.

Superheldenfilme erleben ein nie dagewesenes Hoch. Avengers: Endgame ist der weltweit erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten gemessen am Einspielergebnis. Das beweist, seitdem 1938 der erste Superman Comic erschienen ist, ist viel passiert. Die beiden Verlage Marvel und DC haben sich als Marktführer im Superhelden-Comic-Business etabliert, und ihre Comic-HeldInnen über die Jahre hinweg auch erfolgreich für die große Leinwand adaptiert. Wie erfolgreich – das schauen wir uns jetzt an (–::

Erfolgreichste Filme aller Zeiten

Bevor wir genauer auf Superheldenfilme eingehen, hier eine Auflistung der 10 erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Von diesen 10, sind 4 dem Superheldenfilmgenre zuzuordnen.

Der Weg an die Spitze – DC vs. MCU

Seit 1978 sind Superheldenfilme in den Kinos zu sehen. Den Beginn des Superhelden Kinoerfolgs beschritt der Verlag DC fast im Alleingang. Mit mehreren Superman & Batman – Filmen zementierte DC seine marktführende Position beinahe 20 Jahre lang. Erst zu Beginn der 2000 Jahre konnte der Comicverlag Marvel mit Adaptionen wie X-Men oder Sam Raimis Spider-Man Trilogie ebenfalls erste Erfolge auf der Kinoleinwand feiern. Von da an “bekämpften” sich beide Studios auf Augenhöhe – mit leichten Vorteilen für DC dank Chris Nolans “The Dark Knight” Trilogie. Das änderte sich schlagartig im Jahr 2008 – mit der Kreation des Marvel Cinematic Universe (kurz MCU) und dem ersten Film daraus, Iron Man 1. In den letzten 11 Jahren produzierten die Marvel Studios 23 Filme, die alle im MCU zusammenhängen, ein derart großes Projekt gab es auf diesem Niveau noch nie zuvor. Der Aufwand hat sich bezahlt gemacht.

Wie auf den ersten Blick sichtbar wird, hat sich die Verteilung der erfolgreichsten Superheldenfilme zwischen DC und Marvel mit Einführung des MCU drastisch verändert. Seit 11 Jahren dominiert Marvel mit seinem MCU den Markt – Stand 2019 ist der erfolgreichste DC – Superheldenfilm über 11 Jahre alt und hat nicht einmal die Hälfte des erfolgreichsten Marvel MCU Films eingespielt.

Popularität von Marvel – SuperheldInnen

Der Erfolg des Marvel Cinematic Universe ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen, einer davon ist zweifelsohne die große Beliebtheit zahlreicher Marvel – Charaktere. Fast jeder hat schon einmal von Spider-Man, Iron Man, dem Hulk oder Thor gehört. Die u.a. von Stan Lee erfundenen Comicfiguren erfreuen sich seit Jahrzehnten unglaublicher Beliebtheit, mit dem MCU wurde der Umsatz, den die Avengers und Co. sonst über Comics einbringen, nocheinmal vervielfacht. Welche der Helden und Heldinnen beim Publikum am besten ankommen, zeigt die folgende Grafik.

Was hier auffällt ist, dass unter den zehn beliebtesten Charakteren nur eine Frau (Black Widow) zu finden ist. Von den zehn unbeliebtesten Charakteren sind zwei weiblich. Warum ist das so? Wir versuchen das im nächsten Absatz zu erörtern.

Große Popularität bringt große Verantwortung

Wer den Markt so stark dominiert wie Marvel mit seinem MCU, hat großen Einfluss auf die Meinung der Zuseherinnen und Zuseher. Marvel bestimmt, welche SchauspielerInnen die populären Hauptcharaktere in seinen Filmen vertreten. Bis 2018 waren diese Personen fast ausschließlich weiße Männer, der Ruf nach Diversität wird immer lauter. Mit “Black Panther” feierte der erste Film mit einem afro-amerikanischen Hauptcharakter großen Erfolg. Im Jahr darauf  kam mit “Captain Marvel” erstmals ein MCU-Film mit einer weiblichen Protagonistin in die Kinos. Laut manchen Kritikerinnen und Kritikern, hätte dies schon viel früher passieren müssen: “Endlich haben Frauen ihren eigenen, mittelmäßigen Marvel Film. Captain Marvel folgt der Marvel Formel, wie viele andere MCU Filme davor. Und das ist ein Triumph.” (https://slate.com/culture/2019/03/captain-marvel-review-brie-larson-movie.html)

Aber da das hier ein #DDJ – Blog ist, lassen wir Mal die Zahlen sprechen. Wie viele Superheldenfilm-Hauptcharaktere werden eigentlich nicht von einem weißen Mann verkörpert?

Wie wir sehen, hat man als Zuschauerin oder Zuschauer kaum eine Wahl, von allen Superheldenfilmen von Marvel  oder DC gibt es gerade einmal fünf (in Zukunft sechs ab dem Release von Black Widow im April 2020) mit einer Hauptrolle, die nicht von einem weißen Mann dargestellt wird (Supergirl, Blade, Blade II, Black Panther, Captain Marvel). Bei 44 anderen Filmen haben sich die Autorinnen und Autoren für den gewohnten patriarchalen Weg entschieden. Um hier diverser zu werden müssen andere Ethnien bzw. Gender verstärkt in Superheldenfilmen vorkommen. Die Frage, die sich jetzt stellt ist: Welche Menschen wollen Zuseherinnen und Zuseher denn nun auf der Leinwand sehen? Soll Captain America schwarz werden? Iron Man eine Frau? Black Widow eine Asiatin? Thor ein Transgender? Dieser Frage versuchen wir jetzt auf den Grund zu gehen.

Aber was wollen die ZuseherInnen?

Diversität ist in den letzten Jahren zu einem vieldiskutierten und vielschichtigen Thema geworden. Diversität betrifft die unterschiedlichsten Lebensbereiche – in unserem Fall liegt der Fokus auf Diversität im Kino. Der Ruf hiernach erscheint durch die von vor allem Schauspielerinnen gekickstarten #metoo Bewegung lauter als nie zuvor. Aber wie sieht das in der Praxis, also umgelegt auf Superheldenfilme, tatsächlich aus? Wollen die KinogeherInnen wirklich mehr Diversität – also mehr verschiedene Religionen, Hautfarben und Gender in Superheldenfilmen?

Conclusio….Assemble

Wie wir aus diesen drei Grafiken entnehmen können, ist Diversität zumindest für das Publikum in den USA wohl doch nicht so wichtig. In allen drei Umfragen hat die Mehrheit der Befragten im Grunde angegeben “uns is es wurscht”.

Werden Marvel und DC in Zukunft also mehr auf Diversität setzen? Ziemlich sicher ja. Werden die ZuseherInnen darauf positiv reagieren? Vermutlich ja. Verlangen die ZuseherInnen mehr Diversität? Eher nicht. Wonach sie auf jeden Fall verlangen sind Superheldenfilme, mit ineinander verwobenen Stories, mit teuren CGI-Actionszenen und glaubwürdigen Charakteren, egal woher sie stammen oder wie sie aussehen. So lange Marvel und DC das abliefern, werden Spider-Man und seine Freunde uns wohl noch viele Jahre das Geld aus den Taschen ziehen.

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